Schlagwort-Archive: Lieblingsbücher 2019

Durch die Nacht von Stig Sæterbakken

„Trauer tritt in so vielen Formen auf. Sie ist wie ein Licht, das ein- und ausgeschaltet wird. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann. […] Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich. Ihn zu vergessen war das Schlimmste, was ich tun konnte. An ihn zu denken war das Schlimmste, was ich tun konnte. Kälte kam und ging. Wärme kam nie. Es gab nur Kälte und die Abwesenheit von Kälte.“ (Seite 9)

Schuld ist oft das vorherrschende Gefühl nach dem Suizid eines Nahestehenden, selbst wenn es keinen offensichtlichen Grund für Schuldgefühle gibt. Schuld, von der man meint, sie auf sich geladen zu haben, weil man etwas gesagt oder nicht gesagt hat, weil man etwas getan oder nicht getan hat, weil man irgendwann den vermeintlich falschen Weg eingeschlagen hat, irgendwo abgebogen ist, wo man (wie man Jahre später meint) nicht hätte abbiegen sollen.

Jeder, der einen Nahestehenden durch Suizid verloren hat, kennt diese Gefühle von Schuld und weiß, wie dominant und belastend diese sind, dass nach einem Suizid das eigene Leben in ein Vorher und ein Nachher geteilt ist, dass sich dadurch alles wandeln kann, dass sich Lebenswege ändern können.

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Laufen von Isabel Bogdan

„am liebsten würde ich rückwärtslaufen, das Leben zurückspulen und dich vielleicht noch retten“ (Seite 39)

Das erste Jahr nach dem Tod eines Nahestehenden ist die schwierigste Zeit nach diesem Verlust. Danach hat man alles zum ersten Mal ohne die andere Person erlebt: das erste Weihnachten, den ersten Jahresbeginn, den ersten eigenen Geburtstag, den ersten Geburtstag des Verstorbenen, den ersten Jahrestag des Tages, an dem man zum letzten Mal mit dem Verstorbenen gesprochen hat, und des Moments, in dem man vom Tod erfahren hat. Bei einem Tod durch Suizid hat man neben der Trauer mit weiteren Gefühlen zu kämpfen, die mit der Zeit zwar weniger werden, aber nie ganz verschwinden. Allen voran: Schuld und Wut.

Genauso fühlt sich die Ich-Erzählerin in Isabel Bogdans Roman Laufen: traurig, verzweifelt, schuldig, einsam, wütend. Ein Jahr ist vergangen, seit sich ihr Lebensgefährte suizidiert hat, und nun hat sie wieder mit Laufen begonnen. Jeder Schritt ist eine Qual, doch sie zwingt sich zum Weiterlaufen und zum Weiterleben. Und mit der Zeit gewöhnt sie sich nicht nur an das Laufen, sondern auch an die Vorstellung eines Lebens ohne ihn.

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Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft von Swetlana Alexijewitsch

„Was sich in Tschernobyl am meisten einprägt, ist das Leben >>danach<<: Dinge ohne Menschen, Landschaften ohne Menschen. Wege ins Nichts, Telegrafendrähte ins Nichts. Hin und wieder fragt man sich: Was ist das – Vergangenheit oder Zukunft?“ (Seite 51)

Swetlana Alexijewitsch hat fast 20 Jahre lang an Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft geschrieben und hierfür mit ehemaligen Angestellten des Atomkraftwerks, mit Wissenschaftlern, Angehörigen, Liquidatoren, Umgesiedelten und Rückkehrern gesprochen.

Auf diese Weise hat Alexijewitsch, der 2015 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, die Erinnerungen von Menschen, deren Leben eng mit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl verbunden ist, eingefangen und bewahrt, bietet so einen detaillierten und umfassenden Blick auf Tschernobyl und die Folgen des Reaktorunglücks.

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Lonely Planet Das Universum. Ein Reiseführer

„Aus kosmischer Perspektive betrachtet, haben wir es ziemlich weit gebracht. Wir haben das Klima eines ganzen Planeten verändert. Die Zahlen sprechen für sich. Der Klimawandel ist menschengemacht. Wenn wir es in dieser Welt noch weiterbringen wollen, müssen wir einiges rückgängig machen. Genau jetzt haben wir die Chance, etwas zu verändern. Im Kosmos ist die Erde nur ein Staubkorn. Aber sie ist unser Staubkorn, und je mehr wir sie kennen und schätzen, umso größer sind die Chancen, sie für Spezies wie die unsere bewohnbar zu erhalten.“ (Seite 7)

Ich habe schon viel über das Universum gelesen, aber selten auf so kompakte, verständliche, strukturierte, ästhetische und unterhaltsame Weise wie in diesem Lonely Planet-Buch.

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Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders von Åsne Seierstad

„Die Fachleute sahen einen Vierjährigen ohne Lebensfreude. Ganz anders als das anstrengende Kind, als das ihn die Mutter beschrieben hatte.“ (Seite 36)

Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad erzählt in Einer von uns vom 22. Juli 2011, als Anders Behring Breivik im Osloer Regierungsviertel und auf der Fjordinsel Utøya 77 Menschen tötete.

Das Regierungsviertel in Oslo kurz nach dem Bombenanschlag (Quelle: Wikipedia)

Um dem Leser ein Bild von Breiviks Kindheit, seiner Jugend, seiner Ideologie, seinen beiden Terroranschlägen, seiner Psychopathologie und der Gerichtsverhandlung zu vermitteln, hat sie u.a. Aussagen von Freunden, Verwandten, Bekannten, Opfern und deren Angehörigen sowie Breiviks Tagebuch, sein Manifest, seine eigenen Aussagen im Verhör und vor Gericht zurate gezogen.

Die Insel Utøya (Quelle: Wikipedia)
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Der Todestrieb. Autobiografie von Jacques Mesrine (Hörbuch)

„Er sucht nach keiner Entschuldigung. Er sieht lieber seinem Schicksal entgegen und ist bereit, für alles zu zahlen.“ (CD 1 , Track 2)

Bis zu seinem Tod im Jahre 1979 war Jacques Mesrine in Frankreich Staatsfeind Nummer eins. Seine Autobiografie Der Todestrieb schrieb er 1977 im Hochsicherheitstrakt eines Pariser Gefängnisses, bekannte sich darin zu 39 Verbrechen und kritisierte die Haftbedingungen. Seinetwegen wurde das sogenannte „Loi Mesrine“ erlassen, das besagt, dass niemand Gewinn mit der Veröffentlichung seiner Verbrechen machen dürfe.

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Der Revolver von Fuminori Nakamura

„Gestern – es kommt mir vor wie gestern – habe ich einen Revolver gefunden. Vielleicht auch gestohlen, ich weiß es nicht genau. Noch nie habe ich etwas so Schönes gesehen, er liegt in meiner Hand, als wäre er für mich gemacht. Bisher hatte überhaupt kein Interesse an Waffen, aber in dem Moment, in dem ich den Revolver sah, musste ich ihn haben.“ (Seite 9)

Nishikawa, ein junger Student, läuft im strömenden Regen durch Tokio. Er ist bis auf die Knochen durchnässt, aber er geht immer weiter und weiter, obwohl sich ein Teil von ihm nach einer heißen Dusche und trockener Kleidung sehnt.

Als er für eine Zigarettenpause Zuflucht unter einer Brücke sucht, findet er die Leiche eines Mannes – und neben dem Mann einen Revolver.

Er steckt die Waffe kurzerhand ein, geht mit einem Hochgefühl nach Hause, und der Fund ändert sein Leben. All seine Gedanken drehen sich fortan um die Waffe. Er poliert und betrachtet den Revolver. Der Besitz macht ihn glücklich. Und die Vorstellung, jemanden zu töten, erregt Nishikawa immer mehr, und er weiß, dass er sein unbändiges Verlangen nicht mehr lange kontrollieren kann.

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Arche der Tiere. Schutz für die Letzten ihrer Art von Joel Sartore

„Lebten wir in einer gewöhnlichen Ära […], wäre es beinahe unmöglich, eine Art schwinden zu sehen. Ein solches Ereignis wäre viel zu selten, als dass man es miterleben könnte. […]
Allerdings leben wir nicht in einer gewöhnlichen Zeit. Wohin wir auch blicken: Überall sterben Arten aus.“

(Seite 7, Vorwort von Elizabeth Kolbert)

Nach einem Vorwort von Elizabeth Kolbert, von der ich Das sechste Sterben mit großer Begeisterung und ebenso großer Verzweiflung gelesen habe, und einer Einführung von Joel Sartore, dessen Bücher Artenreich und Einzigartig mich sehr fasziniert haben, stellt Sartore seine Fotografien von Tieren vor, die vom Aussterben bedroht oder in freier Wildbahn bereits ausgestorben sind.

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Auswege. Depressionen und Angst verstehen und überwinden von Brent Williams

„Mitten auf meinem Lebensweg
fand ich mich in einem düsteren Wald wieder…
wo der Weg verloren war.“

(Die Göttliche Komödie, Dante Alighieri, 1265-1321)

Brent Williams erzählt in Auswege von den Symptomen seiner drei depressiven Episoden, die im Buch zeitlich gerafft wurden, und bietet so zum einen Einblicke in die Psychopathologie depressiver Störungen, zum anderen in seine persönliche Erlebens-, Gefühls- und Gedankenwelt.

Er beschreibt den (leider recht typischen) Weg durch dunkle Zeiten, in denen er keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen hat, weil er nicht wusste, woran er tatsächlich leidet, weil er das Gefühl hatte, es allein schaffen zu müssen, und weil psychische Erkrankungen auch heute noch mit einem großen Stigma belegt sind, wodurch Betroffene oft schweigen und sich ob ihrer Symptome schämen, die von Nicht-Betroffenen allzu oft als Faulheit, Sich-Anstellen oder Übertreibung angesehen werden. Auch die häufige Komorbidität mit Angststörungen, die auch bei Williams auftraten, wird erwähnt und erklärt, so dass der Leser der Graphic Novel ein breites Wissen über depressive Störungen erlangen kann.

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Die Erde bei Nacht von Babak Tafreshi

„Auf der Erde sind Grenzen seit Langem mit Territorien verbunden – umkämpft und verschoben etwa im Namen von Politik, Religion oder Wirtschaft. Doch der Blick aus dem All auf unseren Planeten enthüllt die wahre Natur unserer kosmischen Heimat: eine grenzenlose Welt, nur unterteilt in Land und Meer. Das Gleiche gilt für den Nachthimmel über uns: Auch er, dessen Anblick jedem Bewohner des Planeten offen steht, weist keine sichtbaren Grenzen auf. Unter diesem gemeinsamen Dach gehören wir alle zu einer Menschenfamilie, die einen einzigen Planeten bewohnt.“ (Seite 13)

Die Erde bei Nacht beinhaltet eine Sammlung von Nachtaufnahmen von einem Team von Fotografen aus 20 Ländern. Abgebildet sind Sternspuren, der Mond, Planeten, Konjunktionen, Eklipsen, die Milchstraße, Meteorströme, Kometen, die ISS, Polarlichter und ein Mondregenbogen, die sowohl in der Natur als auch in Städten aufgenommen wurden.

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