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Todeskuss mit Zuckerkuss von Alan Bradley

„Jeder Betrug verlangt nach einem Körnchen Wahrheit, wie verdünnt sie auch sein mag.“ (Seite 303)

Beim Anschneiden ihrer Hochzeitstorte findet Flavias Schwester Ophelia („Feely“) mitten im Gebäck einen abgetrennten menschlichen Finger. Feely steht unter Schock, doch Flavia ist ganz in ihrem Element, nimmt den Finger heimlich an sich und untersucht ihn in ihrem Chemielabor.

Es handelt sich um einen ordentlich manikürten Frauenfinger, der nach Formaldehyd riecht. Mit Doggers Hilfe findet Flavia blitzschnell heraus, dass der Finger von einer verheirateten, linkshändigen Gitarrenspielerin stammen muss, und bald kennen die beiden auch einen Namen, denn im August wurde die berühmte Gitarristin Adriana Castelnuovo auf dem nahegelegenen Friedhof von Brookwood beigesetzt.

Der Fall um den gefundenen Finger ist die erste Ermittlung des Detektivbüros „Arthur W. Dogger & Partner“, und so machen sich Flavia und Dogger auf den Weg nach Brookwood. Bald bekommen sie einen weiteren Auftrag, denn eine gewisse Mrs Prill meldet wichtige Briefe als vermisst.

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Maschinen wie ich von Ian McEwan (Hörbuch)

„In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben.“ (CD 3, Track 6)

Charlie ist verliebt in seine Nachbarin Miranda, und obwohl diese Gefühle auf Gegenseitigkeit beruhen, ist ihre Liebesgeschichte von Anfang an kompliziert, denn nach dem Kauf eines der ersten lebensechten Androiden – Adam – führen sie gewissermaßen eine Beziehung zu dritt.

Anhand dieser Beziehung zu Adam erzählt Ian McEwan von künstlicher Intelligenz, aber auch von zutiefst menschlichen Bedürfnissen, Gefühlen und Gedanken, geht so der Frage nach, was einen Menschen und was eine (intelligente) Maschine ausmacht.

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Gert Westphal liest Franz Kafka. Der Prozess, Erzählungen und Betrachtungen von Franz Kafka (Hörbuch)

„[…] andererseits aber kann die Sache auch nicht viel Wichtigkeit haben. Ich folgere das daraus, daß ich angeklagt bin, aber nicht die geringste Schuld auffinden kann, wegen deren man mich anklagen könnte.“ (Track 8)

Am Morgen seines 30. Geburtstags wird Josef K. in seiner Wohnung von zwei Männern verhaftet, ohne den Grund hierfür zu erfahren und ohne sich einer Schuld bewusst zu sein. Er darf jedoch weiterhin seiner Tätigkeit als erster Prokurist einer großen Bank nachgehen und sich frei bewegen. Gert Westphal liest Franz Kafka. Der Prozess, Erzählungen und Betrachtungen von Franz Kafka (Hörbuch) weiterlesen

Stimmenhören und Recovery von Joachim Schnackenberg und Christian Burr

„Die Grundhaltung der erfahrungsfokussierten Beratung, Stimmenhören als normale menschliche Erfahrung zu akzeptieren, mit der man lernen kann, gut zu leben, und nicht als (nicht verstehbares) Symptom einer Psychose oder einer anderen psychischen Störung zu behandeln, ist für die meisten eine ganz neue, aber sehr bereichernde und ermutigende Erfahrung.“ (Seite 17)

Im Buch, das sich an alle Praktiker im Bereich von Psychiatrie, Psychotherapie und verwandten Fächern und Berufen richtet, geht es u.a. um den Einsatz des sogenannten Maastrichter Interviews, das von Marius Romme und Sandra Escher auf der Basis von Berichten von 400 Stimmenhörenden entwickelt wurde:

„In unserer Forschung und den vielen Kontakten mit Stimmenhörenden stellten wir fest, dass Stimmen in ihrem Leben einen Sinn ergeben. Sie haben eine Verbindung zu persönlichen Problemen. […] Die meisten Stimmenhörenden können mit ihren Stimmen umgehen, nur eine kleine Anzahl braucht fachliche Unterstützung. Wir schlossen daraus, dass Stimmenhören an sich kein Zeichen einer Krankheit darstellt. Allerdings kann man krank werden, wenn man keinen guten Umgang mit den Stimmen findet.“ (Seite 9, Geleitwort von Marius Romme und Sandra Escher)

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Die letzte Metro. Junge Literatur aus Tschechien von Martin Becker und Martina Lisa (Hrsg.)

„Und die letzte Metro ist die schönste Metro von allen. In der letzten Metro, da ist man melancholisch und will nicht, dass die Fahrt aufhört. In der letzten Metro, da ist man oft verliebt und mit dem Kopf ganz woanders. In der letzten Metro, da bleiben manchmal Gedichtbände liegen oder gleich ganze Romanmanuskripte. In der letzten Metro bleibt nur noch die zufriedene Müdigkeit oder die müde Unzufriedenheit, es gibt keine Fortsetzung mehr, denn die Geschichten des Tages sind geschrieben, die wir uns am nächsten Morgen erzählen werden. Die letzte Metro gehört den Originalen.“ (Seite 12)

Martin Becker und Martina Lisa haben Autorinnen und Autoren aus Tschechien zusammengetragen und eine Auswahl ihrer Geschichten in Die letzte Metro veröffentlicht. Ich selbst kannte keinen einzigen der im Buch erwähnten Autoren, lediglich Tereza Semotamová war mir durch ihren Roman Im Schrank, der allerdings noch ungelesen in meinem Regal steht, ein Begriff. Mir haben diese Einblicke in eine mir recht unbekannte Literaturwelt gefallen, zumal ich sehr erstaunt darüber bin, dass hierzulande trotz der räumlichen Nähe zu Tschechien tschechische Autoren kaum bekannt sind.

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Durch die Nacht von Stig Sæterbakken

„Trauer tritt in so vielen Formen auf. Sie ist wie ein Licht, das ein- und ausgeschaltet wird. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann. […] Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich. Ihn zu vergessen war das Schlimmste, was ich tun konnte. An ihn zu denken war das Schlimmste, was ich tun konnte. Kälte kam und ging. Wärme kam nie. Es gab nur Kälte und die Abwesenheit von Kälte.“ (Seite 9)

Schuld ist oft das vorherrschende Gefühle nach dem Suizid eines Nahestehenden, selbst wenn es keinen offensichtlichen Grund für Schuldgefühle gibt. Schuld, von der man meint, sie auf sich geladen zu haben, weil man etwas gesagt oder nicht gesagt hat, weil man etwas getan oder nicht getan hat, weil man irgendwann den vermeintlich falschen Weg eingeschlagen hat, irgendwo abgebogen ist, wo man (wie man Jahre später meint) nicht hätte abbiegen sollen.

Jeder, der einen Nahestehenden durch Suizid verloren hat, kennt diese Gefühle von Schuld und weiß, wie dominant und belastend diese sind, dass nach einem Suizid das eigene Leben in ein Vorher und ein Nachher geteilt ist, dass sich dadurch alles wandeln kann, dass sich Lebenswege ändern können.

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Fettnäpfchenführer Spanien. Wie man den Stier bei den Hörnern packt von Lisa Graf-Riemann

„Vielleicht stellen Sie tatsächlich fest, dass Spanien anders ist, als Sie es sich immer vorgestellt haben, auf jeden Fall reicher, vielfältiger und spannender.“ (Seite 10)

Am Beispiel der Sozialwirtin Lena und des Programmierers Tom erzählt Lisa Graf-Riemann von den Fettnäpfchen und Fallstricken, in die man in Spanien geraten kann. Dabei empfand ich Tom als eher unsympathischen Zeitgenossen und Lena als insgesamt sympathischer; gemeinsam ergeben die beiden Reisenden aber eine gute Mischung, die unterhält und informiert.

Graf-Riemann thematisiert in ihrem Fettnäpfchenführer Spanien Regionalsprache und Dialekt, cruasán und Tapas, Brot und Wein, Trinkgeld und geteilte Rechnungen, Händeschütteln und besitos, Telefonieren und Smalltalk, Feilschen und Geburtstagsfeiern, Schinkenmuseum und Stierkampf, ETA und Franco-Diktatur, Zuhören und Unterbrechen, Alleinsein und Flirten, Bedanken und Fluchen, Picknick und Vegetarier, Vollkasko und Vetternwirtschaft, Retiro und Drogenprobleme, Flamenco und Taxifahrten, Mauren und Christen, Glückstrauben und rote Dessous.

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Sechs Koffer von Maxim Biller

„Es gibt schlechten und es gibt guten Verrat.“ (Bertolt Brecht: Flüchtlingsgespräche)

Schmil Grigorewitsch wurde vom KGB verhaftet und hingerichtet. Wurde er von seiner eigenen Familie verraten? Möglich wäre das, denn einige der Familienmitglieder verhalten sich durchaus auffällig, z.B. Schmils Sohn Dima, der fünf Jahre im berühmt-berüchtigten Prager Gefängnis Pankrác einsaß – wo übrigens auch der Regimekritiker und spätere Staatspräsident Václav Havel seine Gefängnisstrafe abbüßte – und sich dort mit dem Geheimdienst einließ. Sechs Koffer von Maxim Biller weiterlesen

Bretonisches Vermächtnis von Jean-Luc Bannalec (Hörbuch)

„das einzigartige Zusammenspiel aus Licht und Farben“ (CD 1, Track 1)

Frühsommer im bretonischen Concarneau: Kommissar Dupin genießt die Sonne und das Leben in der Stadt, während die meisten seiner Kollegen im Urlaub sind.

Doch dann ist es vorbei mit der Beschaulichkeit, denn genau vor Dupins Nase kommt zu einem tragischen Todesfall: Der wohlhabende Arzt und Kunstsammler Chaboseau stürzt aus dem vierten Stock seines Hauses in die Tiefe und wird von seiner Ehefrau tot aufgefunden. Die Obduktion zeigt Hämatome, alles deutet auf Fremdeinwirkung hin, und bald kommt es zu weiteren Vorfällen.

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Die Hundeesser von Svinia von Karl-Markus Gauß

„Du siehst aus der Weite einen Menschen näherkommen […] und wenn er da ist, siehst du, es ist doch nur ein Zigeuner.“

Karl-Markus Gauß hat eine Reportage über slowakische Slums geschrieben, allen voran die Vorhölle Svinia, wo 700 Roma leben, die sogar von anderen Roma ausgegrenzt und verachtet werden, da sie als Hundeesser gelten. Die Hundeesser von Svinia von Karl-Markus Gauß weiterlesen