Schlagwort-Archive: Tod

Durch die Nacht von Stig Sæterbakken

„Trauer tritt in so vielen Formen auf. Sie ist wie ein Licht, das ein- und ausgeschaltet wird. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann. […] Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich. Ihn zu vergessen war das Schlimmste, was ich tun konnte. An ihn zu denken war das Schlimmste, was ich tun konnte. Kälte kam und ging. Wärme kam nie. Es gab nur Kälte und die Abwesenheit von Kälte.“ (Seite 9)

Schuld ist oft das vorherrschende Gefühle nach dem Suizid eines Nahestehenden, selbst wenn es keinen offensichtlichen Grund für Schuldgefühle gibt. Schuld, von der man meint, sie auf sich geladen zu haben, weil man etwas gesagt oder nicht gesagt hat, weil man etwas getan oder nicht getan hat, weil man irgendwann den vermeintlich falschen Weg eingeschlagen hat, irgendwo abgebogen ist, wo man (wie man Jahre später meint) nicht hätte abbiegen sollen.

Jeder, der einen Nahestehenden durch Suizid verloren hat, kennt diese Gefühle von Schuld und weiß, wie dominant und belastend diese sind, dass nach einem Suizid das eigene Leben in ein Vorher und ein Nachher geteilt ist, dass sich dadurch alles wandeln kann, dass sich Lebenswege ändern können.

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Alles, was bleibt. Mein Leben mit dem Tod von Sue Black

„Todeserfahrungen verändern nicht nur die Einstellung zu den Dingen, sondern manchmal sogar ganze Lebenswege.“ (Seite 102f)

Sue Black ist weltweit eine der bedeutendsten forensischen Anthropologinnen. In Alles, was bleibt erzählt sie in einer Einführung von der Bedeutung des Todes in der heutigen Gesellschaft, von unserem Umgang mit dem Tod, jedoch auch von ihrem eigenem Leben und von ihrem Weg in die Anatomie und in die forensische Anthropologie.

In den nachfolgenden Kapiteln bietet Black tiefe Einblicke in ihr Fachgebiet, berichtet unter anderem von Verwesungsstadien, dem eigenen Umgang mit Sterben und Tod, Beerdigungsriten, Sterbehilfe, Kannibalismus, Möglichkeiten der Identifizierung von aufgefundenen Toten durch Geschlechts-/Alters-/Abstammungs- und Größenbestimmungen, Kosovokrieg und Massenkatastrophen. Alles, was bleibt. Mein Leben mit dem Tod von Sue Black weiterlesen

Lincoln im Bardo von George Saunders

„Es ist schwer, so schwer, ihn gehen zu lassen!“ (Seite 64)

Willie Lincoln, der dritte Sohn des Präsidenten Abraham Lincoln, starb am 20. Februar 1862 im Alter von 11 Jahren an Typhus.

In der Nacht nach der Beerdigung auf dem Oak Hill Cemetery in Georgetown kehrt der trauernde Präsident zurück auf den Friedhof, betritt die Gruft und öffnet den Sarg, um den geliebten Sohn ein letztes Mal im Arm zu halten.

Willie befindet sich im Bardo, laut tibetanischer Lehre das Reich zwischen Diesseits und Jenseits, und mit dem Besuch des Vaters auf dem Friedhof erwachen die Geister der Toten, der Geschichte und der Literatur und sprechen miteinander über den Vater, den Sohn, die Krankheit, den Tod, das Nicht-Verstehen des tragischen Verlusts eines wichtigen Menschen, die Liebe. Lincoln im Bardo von George Saunders weiterlesen

Die Herrenausstatterin von Mariana Leky

„Alle wichtigen Entscheidungen werden auf der Basis lückenhafter Daten getroffen.“ (Seite 58)

Die Ich-Erzählerin Katja und ihr Vertretungszahnarzt Jakob sind von Grund auf verschieden – sie: ängstlich und vorsichtig, er: wagemutig und risikobereit – , aber sie verlieben sich ineinander, heiraten und verbringen eine glückliche Zeit miteinander. Doch dann verliebt sich Jakob in eine andere Frau, verlässt Katja und stirbt kurz darauf bei einem Unfall.

Katja fällt ins Bodenlose, doch dann trifft sie zwei Menschen, die ihr helfen, wieder zurück zu sich und zu einer für sie lebenswerten Zukunft zu finden: den Altphilologen Dr. Friedrich Blank, der nicht mehr am Leben ist, aber durch und durch realistisch wirkt und bei Katja einzieht, und den Feuerwehrmann Armin, der eines Tages einfach in ihrer Wohnung sitzt und dann immer wieder kommt. Die Herrenausstatterin von Mariana Leky weiterlesen

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause von Carol Rifka Brunt

„Wenn man etwas erst mal weiß, kann man es niemals mehr nicht wissen“

Dezember 1986: Der berühmte und erfolgreiche Maler Finn Weiss malt sein allerletztes Porträt. Er wird sehr bald an den Folgen einer HIV-Infektion sterben, befindet sich im Stadium des fortgeschrittenen erworbenen Immunschwächesyndroms (Acquired Immune Deficiency Syndrome, AIDS).

Das Motiv seines letzten Gemäldes ist seine 14-jährige Patentochter und Nichte June Elbus mit ihrer älteren Schwester Greta. Mit June verbindet ihn eine tiefe Zuneigung und eine große Vertrautheit, mit ihr teilt er seine Geheimnisse, und er kennt ihre.

Doch nach seinem Tod muss June erkennen, dass sie viele Dinge über Finn nicht wusste, z.B. dass er neun Jahre lang mit einem Mann zusammengelebt hat, der nun noch immer in der Wohnung Finns wohnt. Sag den Wölfen, ich bin zu Hause von Carol Rifka Brunt weiterlesen

Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky (Hörbuch)

„Wenn man etwas gut Beleuchtetes lange anschaut und dann die Augen schließt, sieht man dasselbe vor dem inneren Auge noch mal, als unbewegtes Nachbild, in dem das, was eigentlich hell war, dunkel ist, und das, was eigentlich dunkel war, hell erscheint.“

Selma hat bereits in der Vergangenheit von einem Okapi geträumt, und danach ist jedes Mal jemand innerhalb der nächsten 24 Stunden gestorben. Nun ist ihr erneut eines der Tiere im Traum erschienen, und weil Selmas Träume in der Vergangenheit für viel Aufregung im Dorf gesorgt haben, möchte sie ihren Traum diesmal für sich behalten. Ihrer Enkelin Luise kann sie jedoch nichts vormachen, und als Selma sich zudem einer Nachbarin anvertraut, weiß kurz darauf das gesamte Dorf Bescheid. Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky (Hörbuch) weiterlesen