Archiv der Kategorie: Psychische Störungen

Eine Frage der Haltung. Psychosen verstehen und psychotherapeutisch behandeln von Thomas Bock und Gerhard Dieter Ruf

„Psychotische Menschen sind jahrzehntelang explizit von der Psychotherapie ausgeschlossen worden. Sie sei bei ihnen „kontraindiziert“, so die einhellige Fachmeinung, der nur selten widersprochen wurde. […]

In der Tat stellte sich die Frage, ob die Therapie nach dem klassischen Muster für psychotische Menschen besonders hilfreich war. […] Nach der heutigen Ausdifferenzierung der therapeutischen Ansätze und Verfahren lässt sich nun längst konstatieren, dass auch psychotische Menschen sehr von Psychotherapie profitieren können. Dennoch herrscht bei Therapeutinnen und Therapeuten immer noch eine große Zurückhaltung vor. Warum eigentlich?“ (Seite 7)

Eine Frage der Haltung beinhaltet ein Gespräch zwischen Thomas Bock (Professor für Klinische Psychologie und Sozialpsychiatrie, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter der Psychoseambulanz am Hamburger UKE) und Gerhard Dieter Ruf (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, systemischer Therapeut) mit dem Lektor, Redakteur und Autor Uwe Britten.

Diskutiert wurde dabei u.a. über Wahrnehmung und Affekte, Über- und Unterforderung, Halluzinationen und Wahn, Genetik und Hirnforschung, Stigmatisierung und Stigmaresistenz, Peerarbeit und EXperienced-INvolvement, Krankheit und Gesundheit, Missbrauch und Familiensituation, Psychotherapieschulen und Dachverband Deutschsprachiger Psychosen-Psychotherapie, Funktion und Dysfunktionalität der Psychose, Medikamente und Zwangsbehandlung, Soteria und Supported Employment. Eine Frage der Haltung. Psychosen verstehen und psychotherapeutisch behandeln von Thomas Bock und Gerhard Dieter Ruf weiterlesen

Eine andere Art von Wahnsinn von Stephen P. Hinshaw

„Menschen, die sich erinnern, beschwören den Wahnsinn durch Schmerz herauf, durch den Schmerz über den ständig wiederkehrenden Tod ihrer Unschuld; Menschen, die vergessen, beschwören eine andere Art von Wahnsinn herauf, den Wahnsinn, der durch Schmerzverleugnung und Hass auf die Unschuld entsteht, und die Welt ist vorwiegend bevölkert mit Wahnsinnigen, die sich erinnern, und mit Wahnsinnigen, die vergessen.“ (Seite 7f, Zitat von James Baldwin)

Wenn sich Stephen P. Hinshaw an seine Kindheit erinnert, sind das oft wochen- oder gar monatelange Verschwinden seines Vaters Virgil Jr. Hinshaw, das Schweigen über die Gründe hierfür und die Sorge des Sohnes, sein Vater könnte niemals wieder nach Hause zurückkehren, zentrale Themen, die sein Leben stark geprägt haben.

Als Stephen P. Hinshaw erwachsen ist, öffnet sich sein Vater ihm gegenüber plötzlich und erzählt in diesem ersten Gespräch und in vielen weiteren Unterhaltungen in den folgenden 24 Jahren von seiner psychischen Erkrankung, die er seinen Kindern und dem größten Teil seines sozialen Umfelds so lange verschwiegen hat. Er berichtet von einer ersten psychotischen Episode im Alter von 16 Jahren und zahlreichen weiteren Episoden, seinen Aufenthalten in psychiatrischen Anstalten, Fixierung und inhaltsleeren Stunden, Tabuisierung und Scham, Elektrokonvulsionstherapie und Insulinschocktherapie, Barbituraten und Antipsychotika, Gewalt und Machtlosigkeit, Schweigen und Leugnen, Isolation und Ausgrenzung. Eine andere Art von Wahnsinn von Stephen P. Hinshaw weiterlesen

Die Vermessung der Psychiatrie von Stefan Weinmann

„Das Problematische an unserer gegenwärtigen Situation in der Psychiatrie ist, dass schlechte Krankheitsverläufe häufig der Biologie und der „Erkrankung“ selbst (oder der krankheitsbedingt unzureichenden Therapietreue) und weniger unserem Umgang damit oder gar unseren Therapien angelastet werden.“ (Seite 20)

Stefan Weinmann ist Psychiater. Er weiß, wovon er spricht und was er kritisiert, ist mittendrin, kennt die Krankheitsbilder, die Behandlung, die Versorgungslage und die Forschungsergebnisse im Bereich der Psychiatrie. Das hat mich beim Lesen seines Buches von Anfang an begeistert und beeindruckt. Hier schwimmt jemand gegen den Strom, der genauso gut mit ihm schwimmen könnte, so wie es die breite Masse in der Psychiatrie tut. Die Vermessung der Psychiatrie von Stefan Weinmann weiterlesen

Brazzaville Beach von William Boyd

„Das Unvermeidliche muß man freudig annehmen“ (Seite 409)

Hope Clearwater lebt nach zwei seltsamen und verstörenden Ereignissen, die sich in Europa und in Afrika zugetragen haben, recht zurückgezogen in einem Strandhäuschen am Brazzaville Beach.

In Brazzaville Beach erzählt William Boyd abwechselnd von ihrem Leben in England, ihrer Ehe mit John Clearwater, seiner Besessenheit im Bereich der Mathematik, ihrer Forschungstätigkeit in Europa sowie vom Leben in Afrika, ihrer Arbeit als Primatologin, den Beobachtungen zum Zusammenleben von wilden Schimpansen und den sonderbaren Geschehnissen im Forschungszentrum Grosso Arvore, die von Hope beobachtet und von den anderen Forschern aber lange abgestritten werden. Brazzaville Beach von William Boyd weiterlesen

Recoveryorientierte Gruppenarbeit für Menschen mit Psychoseerfahrungen von Sebastian von Peter, Antje Wilfer und Andreas Gervink

„Die Recoverybewegung hat auch deshalb so viel Anklang gefunden, weil sie sich gegen die demoralisierende Hoffnungslosigkeit vieler professionell Tätiger zur Wehr gesetzt und gezeigt hat, dass ein sinnerfülltes Leben und/oder Heilung trotz schwerer und langwieriger Beeinträchtigungen möglich ist.“ (Seite 68)

Die Gruppe „Lebenswege“ wurde 2011 mit dem Ziel ins Leben gerufen, um bei Menschen mit Psychoseerfahrungen Recoveryprozesse anzustoßen, sie zu fördern oder sie zumindest nicht zu behindern. Diese Gruppe wird angeleitet durch eine Genesungsbegleiterin, einen Arzt und eine Pflegekraft und bietet einen Erfahrungsaustausch von Menschen mit und ohne Erfahrungsexpertise. Recoveryorientierte Gruppenarbeit für Menschen mit Psychoseerfahrungen von Sebastian von Peter, Antje Wilfer und Andreas Gervink weiterlesen

Irren ist menschlich. Kapitel 5: Der sich und Anderen fremd werdende Mensch (Schizophrenie) von Uwe Gonther

„Menschen mit schweren psychischen Krankheiten haben eine deutlich verringerte Lebenserwartung, statistisch weniger Aussicht auf Partnerschaft und Nachwuchs. Sie weisen ein höheres Risiko für Arbeits- und Wohnungslosigkeit, Armut, Sucht, körperliche Krankheiten und Suizid auf. Es geht also nicht nur um eine abstrakte Stigmatisierung der Schizophrenie in den Medien, es geht um reale Nachteile, die sich auf das Ansehen und die Lebensqualität der Erkrankten negativ auswirken.“ (Seite 247)

Uwe Gonther behandelt im fünften Kapitel des Lehrbuchs Irren ist menschlich verschiedene Facetten der Schizophrenie: Begriffsklärung, Praecox-Gefühl, Tabuisierung, Stigmatisierung, Vulnerabilitäts-Stress-Modell, Symptome, Verlauf, Behandlung, Epidemiologie, Entstehung und Prävention. Irren ist menschlich. Kapitel 5: Der sich und Anderen fremd werdende Mensch (Schizophrenie) von Uwe Gonther weiterlesen

Bücher über psychische Störungen

In diesem Post liste ich Bücher über psychische Störungen auf. Dabei weiche ich diesmal von meiner Gliederung in Belletristik, Sachbücher etc. ab und gruppiere die Bücher nach psychischen Störungen bzw. nach anderen Themen. Aus diesem Grunde finden sich einige Bücher unter verschiedenen Überschriften, z.B. sowohl unter „affektive Störungen“ als auch unter „Suizid“. Bücher über psychische Störungen weiterlesen

Die Welt im Rücken von Thomas Melle

„Das Drama, das eine erste Psychose auslöst, ist erheblich. Für einen selbst ist es ein unbegreiflicher, allumfassender Kick, der einen in himmelschreiende Sphären schleudert; für Freunde und Familie ist es die blanke Tragödie. Aus dem Nichts wird da einer, den man anders kennt, verrückt, buchstäblich verrückt, und zwar genauer, realer, peinlicher, als es in den Filmen, den Büchern gezeigt wird, wird wahnsinnig wie ein wildäugiger Penner, der den Straßenverkehr beschimpft, wird dumm, töricht, unheimlich. Aus dem Nichts wird der Freund zum Fremden an sich.“ (Seite 65)

Thomas Melle erzählt in Die Welt im Rücken von seiner Bipolar-I-Störung, die 1999 zu einem ersten Krankenhausaufenthalt führte. Melle berichtet vom Verlauf der Erkrankung, von Kontrollverlust und Erinnerungslücken, von manischen und depressiven Phasen, von Paranoia und Beziehungsideen, von verschiedenen Formen bipolarer affektiver Störungen, von Symptomen, Suizidalität und zerstörten Freundschaften. Die Welt im Rücken von Thomas Melle weiterlesen

Aminas Briefe von Jonas T. Bengtsson

„Zigaretten sind die einzige Medizin, die wir Schizophrene selbst dosieren können. Wir rauchen, damit die Zeit vergeht, wir rauchen, um etwas zu tun zu haben, um etwas mit unseren Händen machen zu können und um uns zu trösten. Und schließlich auch, um zu wissen, wer wir sind:
Ich bin der am Ende der Zigarette. Ich rauche morgens, obwohl mir die Lunge schmerzt, wenn ich aufwache. Ich rauche abends und nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Ich rauche, bis ich Kopfweh davon bekomme, und zünde mir eine neue Zigarette an.“

Der Ich-Erzähler Janus wurde vier Jahre lang in der Psychiatrie behandelt, da er unter paranoid-halluzinatorischer Schizophrenie leidet. Nach der Entlassung kommt er in der Wohnung seines Bruders unter, der gerade nicht in der Stadt ist, und schwelgt in alten Erinnerungen an die Kurdin Amina, mit der er drei Jahre lang Briefe geschrieben hatte, bevor sie den Kontakt vor sechs Monaten plötzlich abgebrochen hat. Janus will verstehen, was passiert ist und was ihre Gründe waren, sich von ihm zurückzuziehen, und macht sich auf die Suche. Aminas Briefe von Jonas T. Bengtsson weiterlesen

Heiter bis wolkig von Myrthe van der Meer

„Viele Dinge in der Psychiatrie sind erniedrigend. Eingewiesen zu werden ist eins davon. Einen Psychiater zu haben bringt auch nicht gerade viele Punkte ein. Mit deinem Lebensgefährten zu deinem Psychiater zu gehen, um eingewiesen zu werden, ist wahrscheinlich der Inbegriff der Erniedrigung.“ (Seite 20)

Myrthe van der Meer ist eigentlich auf dem Weg zum Abschlussgespräch mit ihrer Psychiaterin, wird von einem Vertretungsarzt jedoch kurzerhand auf Station eingewiesen, da sie Medikamente gebunkert und auf ganz rationale Art ihren Suizid geplant hat. Sie war in den letzten zwei Jahren fünf Monate in der Psychiatrie und mehrere Monate in der Tagesklinik, hat verstanden, dass ihre Depression immer wieder kommen wird, und möchte so nicht weiterleben. Heiter bis wolkig von Myrthe van der Meer weiterlesen