Schlagwort-Archive: wahre Geschichte

Das Floß der Medusa von Franzobel

„Aber was sind das für Geschehnisse, die der Menschheit für alle Zeit verborgen bleiben sollten? […] In jedem Fall ist dieser ‚Vorfall‘ etwas, das am französischen, ja, am europäischen Nationalstolz kratzt, weil er Abgründe des Menschen offenbart, zeigt, was mit dieser Spezies alles möglich ist.“ (Seite 15)

Wir schreiben das Jahr 1816. Dreißig Seemeilen vor der Küste Westafrikas entdeckt die Besatzung der Brigg Argus ein seltsames Objekt im Wasser. Es handelt sich um ein Floß mit Schiffbrüchigen der Medusa, die auf dem Weg in den Senegal war, doch auf der Arguin-Sandbank gestrandet ist.

Théodore Géricault: Das Floß der Medusa, 1819 (Öl auf Leinwand, 491 × 716 cm, Museo del Louvre), Quelle: Wikipedia.

Nur 15 von ehemals 147 Menschen, die sich nach dem Unglück auf dem Floß befanden und damit 13 Tage lang durchs Meer trieben, überlebten, indem sie ihren Urin getrunken und Mitglieder der Besatzung gegessen haben: Das Floß der Medusa von Franzobel weiterlesen

Eine andere Art von Wahnsinn von Stephen P. Hinshaw

„Menschen, die sich erinnern, beschwören den Wahnsinn durch Schmerz herauf, durch den Schmerz über den ständig wiederkehrenden Tod ihrer Unschuld; Menschen, die vergessen, beschwören eine andere Art von Wahnsinn herauf, den Wahnsinn, der durch Schmerzverleugnung und Hass auf die Unschuld entsteht, und die Welt ist vorwiegend bevölkert mit Wahnsinnigen, die sich erinnern, und mit Wahnsinnigen, die vergessen.“ (Seite 7f, Zitat von James Baldwin)

Wenn sich Stephen P. Hinshaw an seine Kindheit erinnert, sind das oft wochen- oder gar monatelange Verschwinden seines Vaters Virgil Jr. Hinshaw, das Schweigen über die Gründe hierfür und die Sorge des Sohnes, sein Vater könnte niemals wieder nach Hause zurückkehren, zentrale Themen, die sein Leben stark geprägt haben.

Als Stephen P. Hinshaw erwachsen ist, öffnet sich sein Vater ihm gegenüber plötzlich und erzählt in diesem ersten Gespräch und in vielen weiteren Unterhaltungen in den folgenden 24 Jahren von seiner psychischen Erkrankung, die er seinen Kindern und dem größten Teil seines sozialen Umfelds so lange verschwiegen hat. Er berichtet von einer ersten psychotischen Episode im Alter von 16 Jahren und zahlreichen weiteren Episoden, seinen Aufenthalten in psychiatrischen Anstalten, Fixierung und inhaltsleeren Stunden, Tabuisierung und Scham, Elektrokonvulsionstherapie und Insulinschocktherapie, Barbituraten und Antipsychotika, Gewalt und Machtlosigkeit, Schweigen und Leugnen, Isolation und Ausgrenzung. Eine andere Art von Wahnsinn von Stephen P. Hinshaw weiterlesen

Kompass ohne Norden von Neal Shusterman

„Alles hat Bedeutung da draußen, ich muss sie nur finden.“ (Seite 68)

Kompass ohne Norden ist keine fiktive Geschichte, sondern basiert auf der Krankheitsgeschichte von Brendan, Neal Shustermans Sohn, der im Alter von 15 Jahren an einer schizoaffektiven Psychose erkrankte.

Anhand des Hauptprotagonisten Caden Bosch (Brendans Alter Ego) zeigt Shusterman, wie sich die Symptome seines Sohnes entwickelten, wie sie sich im Verlauf veränderten, wie die Behandlung bei seinem neunwöchigen Klinikaufenthalt aussah, welche Auswirkung die medikamentöse Behandlung hatte.

Caden lebt in einer furchteinflößenden Welt: Monster sind in seinen Geist eingedrungen, haben Bilder herausgerissen und daraus Masken gemacht, so dass sie wie die Menschen aussehen, die Caden liebt. Sie lachen über ihn, sprechen über ihn, und sie sorgen dafür, dass Caden seine Umgebung als feindselig und bedrohlich empfindet, nicht mehr weiß, wem er trauen kann, sich immer mehr verschließt. Kompass ohne Norden von Neal Shusterman weiterlesen

Das Lächeln meiner Mutter von Delphine de Vigan

„Wahrscheinlich hatte ich gehofft, aus diesem seltsamen Material würde sich eine Wahrheit herausschälen. Aber es gab keine Wahrheit. Ich hatte nur verstreute Bruchstücke, und schon das Ordnen dieser Bruchstücke war eine Fiktion. […] Was versuchte ich eigentlich, wenn nicht dem Schmerz meiner Mutter näherzukommen, seinen Umfang, seine versteckten Winkel und den Schatten, den er warf, zu erkunden?“ (Seite 39)

Delphine de Vigan findet die Leiche ihrer Mutter Lucile in deren Wohnung, wo sie mehrere Tage lag, ohne dass jemand von ihrem Tod wusste. Nach langem Ringen mit sich entscheidet sie sich dafür, über ihre Mutter zu schreiben, befragt Familienangehörige, liest Briefe, hört Tonbandkassetten an, möchte verstehen, warum sich Lucile suizidiert hat. Das Lächeln meiner Mutter von Delphine de Vigan weiterlesen

Stella von Takis Würger (Hörbuch)

„Andere sehen die Dunkelheit. Ich sehe die Schönheit.“ (CD 2, Track 5)

Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als ich während meines Studiums erstmals im Detail vom Milgram-Experiment gehört habe. Nach der Präsentation des Versuchsaufbaus und der Ergebnisse wurde im Hörsaal aufgeregt diskutiert, und viele der anwesenden Psychologie-Studenten waren der Meinung, sie würden ganz anders reagieren, sie würden den anderen Versuchsteilnehmern keine gefährlichen Stromstöße verpassen, sie würden sich wehren und dem Versuchsleiter sagen, dass sie ein solches Vorgehen ethisch nicht vertreten könnten. Ich war schon damals der Meinung, dass solche Situationen aus der Entfernung schlecht eingeschätzt werden können, und dass auch gute Menschen unter bestimmten Bedingungen schlimme Dinge tun, die sie sich im Vorfeld vielleicht selbst nicht zutrauen würden. Stella von Takis Würger (Hörbuch) weiterlesen

Der Totgeglaubte von Michael Punke

„ein Klang, so tief wie Donner oder ein umstürzender Baum, ein Bass, der nur von einer gewaltigen Masse ausgehen konnte“

Der Pelztierjäger Hugh Glass wird 1823 von einem Grizzly angegriffen und schrecklich zugerichtet. Wie durch ein Wunder überlebt Glass, doch da die Gefährten der Rocky Mountain Fur Company mit dem verletzten Glass nur langsam vorankommen, lassen sie ihn zusammen mit zwei Männern zurück, die für ihn sorgen und ihn nach seinem Tod begraben sollen. Doch kurz darauf lassen die beiden Männer Glass allein zurück: halb tot, unbewaffnet, ohne Ausrüstung, mitten im Indianergebiet. Der Totgeglaubte von Michael Punke weiterlesen

Ich kann nicht vergeben von Rudolf Vrba (Hörbuch)

„Arbeit macht frei. Bald sollte diese Inschrift uns alle verhöhnen wie ein makaberer Aprilscherz. Doch an jenem Juniabend glaubte ich daran und fasste neuen Mut.“ (Track 65)

Rudolf Vrba war 17 Jahre alt, als er seine slowakische Heimat verließ und schließlich nach Auschwitz deportiert wurde.

In Ich kann nicht vergeben erzählt er vom Alltag im Konzentrationslager Auschwitz I (Stammlager) und später in Auschwitz II-Birkenau, berichtet minuziös vom täglichen Überlebenskampf, von Freundschaft und Liebe, von Verrat und Verlust, von Krankheit und Tod, von Hunger und schwerer Arbeit, von der Untergrundbewegung und von seiner Flucht aus Auschwitz. Ich kann nicht vergeben von Rudolf Vrba (Hörbuch) weiterlesen

Und du bist nicht zurückgekommen von Marceline Loridan-Ivens

„Es ist, als wäre ich schon nicht mehr da.“

Marceline Loridan-Ivens wird 1928 als Marceline Rozenberg geboren und im März 1944 zusammen mit ihrem Vater nach Polen deportiert. Sie selbst kommt nach Birkenau, er nach Auschwitz. Obwohl sie nur wenige Kilometer voneinander getrennt sind, plagt sie „die unerträgliche Ungewissheit, was aus dem anderen wurde“. Doch eines Tages gelingt es Marcelines Vater, ihr einen Zettel überbringen zu lassen. Dies wird die letzte Nachricht von ihrem Vater sein, und Zeit ihres Lebens wird sie versuchen, diese Nachricht zu rekonstruieren, deren Inhalt sie sofort nach dem Lesen vergessen hat. Und du bist nicht zurückgekommen von Marceline Loridan-Ivens weiterlesen

Der Tätowierer von Auschwitz von Heather Morris (Hörbuch)

„Hier überlebt allein der Tod.“ (Track 50)

Lale Sokolov wurde 1916 im slowakischen Krompachy als Ludwig Eisenberg geboren und 1942 nach Auschwitz deportiert. In Auschwitz arbeitete er als Tätowierer und konnte dadurch einige Vorteile im Lager genießen, die er dafür nutzte, anderen zu helfen.

Erst nach dem Tod seiner Frau brach Lale Sokolov sein Schweigen und erzählte Heather Morris von seinem Leben und seinem Überleben, die seine Geschichte mit Der Tätowierer von Auschwitz – ihrem ersten Buch – veröffentlichte.

Morris erzählt in dritter Person Singular von Lale Sokolovs Deportation, von seinem Eintreffen in Auschwitz, von seiner Tätigkeit als Tätowierer, von seinem täglichen Kampf ums Überleben – und von seiner großen Liebe Gita, die er in Auschwitz kennengelernt hat. Der Tätowierer von Auschwitz von Heather Morris (Hörbuch) weiterlesen

Frauen dürfen hier nicht träumen von Rana Ahmad

„Wie kann es sein, dass es für sie so selbstverständlich ist, frei zu sein, während es mir erscheint, als sei es das Größte und Ungeheuerlichste, das man sich vorstellen kann?“ (Seite 217)

Ich muss zugeben, dass ich eher vorsichtig bei Tatsachenberichten über Frauen aus islamischen Ländern bin, denn allzu schnell fühle ich mich an Negativbeispiele wie Nicht ohne meine Tochter erinnert, die allerlei Schubladen bedienen, Vorurteile eher verstärken als Aufklärung zu bieten, Ablehnung und Unwissen erhöhen statt Verständnis und Wissen zu vermitteln und Halbwissen zu eliminieren.

Frauen dürfen hier nicht träumen hätte ich aufgrund des Titels wohl eher nicht in die Hand genommen. Ich habe es einzig und allein deshalb getan, weil Richard Dawkins, den ich sehr schätze, auf dem Einband zitiert wird. Und ich dachte: „Was Dawkins lesenswert findet, muss inhaltlich gut und wichtig sein.“. Mit dieser Einschätzung lag ich goldrichtig, denn Frauen dürfen hier nicht träumen ist ein komplexes, ein ausgezeichnet geschriebenes und ein sehr bewegendes Buch, das ich jedem empfehle, der Einblicke in das Leben einer Frau in Saudi-Arabien erhalten möchte, und jedem ans Herz lege, der der Meinung ist, aus so einem Land müsse man nicht fliehen. Frauen dürfen hier nicht träumen von Rana Ahmad weiterlesen