Irrenhäuser. Kranke klagen an. Reprint der Ausgabe von 1969 von Frank Fischer

„Warum ein fast 50 Jahre altes Taschenbuch erneut publizieren, das die menschenunwürdige Anstaltsversorgung analysiert, die Vergangenheit ist und die sich heute kaum noch jemand vorstellen kann? Aber wenn wir diese überwundene Vergangenheit dem Vergessen überlassen, dann fördert das die Gefahr der Rückkehr von menschenunwürdigen Versorgungsformen in anderer Gestalt.“ (Seite VII)

Ausgelöst durch den Besuch eines Bekannten in einer psychiatrischen Anstalt, der mit Verdacht auf eine Schizophrenie eingeliefert wurde, untersucht Frank Fischer schließlich – in Wallraffscher Manier – die Zustände in Anstalten und die Bedingungen der Insassen. Er schleust sich hierfür als Hilfspfleger in sieben verschiedenen psychiatrischen Krankenhäusern ein und verbringt so fast ein Jahr in Anstalten in Deutschland, England und Österreich.

Ich habe in den 1990er Jahren als Krankenpflegeschülerin in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet, und beim Lesen von Irrenhäuser. Kranke klagen an habe ich mit Schrecken bemerkt, dass mir einige der im Buch erwähnten Aspekte durchaus bekannt sind, auch wenn zwischen dem Erscheinen des Buches und meiner eigenen Tätigkeit 25 Jahre lagen. Sicherlich hatten sich in dieser Zeit auch viele Dinge verändert, aber die Entwürdigung, die Entmenschlichung, die Willkür, die Machtausübung und die Hospitalisierung sind mir leider von einigen Einsätzen geläufig.

Fischer erzählt in seinem Buch von der Monotonie des Anstaltslebens, wo Leute nur verwahrt, nicht gefordert und gefördert werden, wo Pfleger ihre Macht und ihre (angebliche) Überlegenheit demonstrieren, wo die Insassen verlernen, sich im Alltag außerhalb der Anstalt zurechtzufinden, weil dies gar nicht das Ziel ihrer sogenannten Behandlung ist.

Irrenhäuser. Kranke klagen an bietet einen wahrhaft schlimmen Einblick in die psychiatrische Versorgung im Deutschland der 1960er Jahre, die sich so noch weitere Jahrzehnte in ähnlicher Form zugetragen hat. Zu wissen, dass diese Schilderungen nicht übertrieben und nicht ausgedacht sind, hat mir das Lesen bisweilen fast unerträglich gemacht.

Dabei hat mich nicht nur der Inhalt schockiert (der mir ja durchaus geläufig war), sondern auch die Tatsache, dass sich 25 Jahre nach Erscheinen des Buches nichts Essentielles in der Versorgung psychiatrisch Kranker und dem Respekt ihnen gegenüber verändert hatte.

Irrenhäuser. Kranke klagen an hat bei mir Erinnerungen wachgerufen, die ich eigentlich gerne vergessen hätte. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die stationäre Behandlung psychisch Kranker in den letzten 25 Jahren soweit verbessert hat, dass sich die im Buch beschriebenen und die in den 1990er Jahren selbst beobachteten Zustände heute nicht einmal mehr in Ausnahmefällen so oder so ähnlich zutragen.

„Wenn die Tür zur Aufnahmestation zugefallen und der Weg zurück versperrt ist, vollzieht sich ein Bruch in der Lebensgeschichte des Patienten. Was er bisher war, was er bisher tat – all das interessiert von nun an nicht mehr.“ (Seite 39)

Frank Fischer: Irrenhäuser. Kranke klagen an. Reprint der Ausgabe von 1969. Mit einem aktuellen Vorwort der Aktion Psychisch Kranke (APK). Psychiatrie Verlag, 2016, 191 Seiten; 20 Euro.

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