Schlagwortarchiv: Shoa

Isidor. Ein jüdisches Leben von Shelly Kupferberg

„Ich beginne, diese Briefe zu lesen, versuche zu rekonstruieren, was für ein Leben meine Vorfahren gelebt haben, was für rasante persönliche und gesellschaftliche Entwicklungen sie durchgemacht haben – und wie schmerzlich alles, was sie sich mühselig und kühn erarbeitet hatten, von einer Sekunde auf die andere zunichtegemacht wurde. Bevor dann sie zunichtegemacht werden sollten.“ (Seite 9)

Isidor – oder Innozenz oder Ignaz oder Israel – ist der Wiener Urgroßonkel von Shelly Kupferberg. Einst war Isidor ein herrischer Mann, doch nach einer Verhaftung durch die Nazis am Tag des Anschlusses Österreichs ans Deutsche Reich im Jahre 1938 hatte Isidor Angst und war nur noch ein Schatten seiner selbst.

Bis dahin war Isidor ein sogenannter gemachter Mann, wurde von vielen (aber nicht von allen) „bewundert für das, was er geschafft hatte“ (Seite 13)

Aufgewachsen ist Isidor mit vier Geschwistern im Schtetl im ostgalizischen Tłumacz, später hat er in Lemberg und Wien studiert und ist zu großem Reichtum gekommen – und hat diesen durch die Nazis wieder verloren.

„Die Nazis hatten ihn binnen kürzester Zeit zu dem gemacht, was sie in ihm sehen wollten: eine Elendsfigur.“ (Seite 209)

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Reichskanzlerplatz von Nora Bossong

„Sie saß so allein, als habe sich die ganze Welt von ihr abgewandt, und ich hätte mich gern zu ihr gesetzt, meine Hand auf ihren Arm gelegt, aber sie war sie sieben Jahre älter als ich, und auch wenn sie in diesem Moment verletzlich wirkte, sie hätte meine große Schwester sein können, und sie war bereits verheiratet.“ (Seite 31)

Der Reichskanzlerplatz in Berlin wurde 1904 angelegt und wurde 1933 in Adolf‑Hitler‑Platz umbenannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wählte man vorerst den alten Namen Reichskanzlerplatz, doch 1963 wurde der Ort nach dem ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland benannt: Theodor‑Heuss‑Platz. Seitdem trägt er diesen Namen.

Der fast 13-jährige Ich‑Erzähler Hans Kesselbach, ein fiktionaler Charakter, lernt in der Schule Hellmut Quant kennen, spürt eine besondere Anziehung und Faszination für dessen Stiefmutter Magda Quandt, die nur wenige Jahre älter als Hans und Hellmut ist. Später werden Magda und Hans ein Liebespaar, bevor Magda die Beziehung beendet und schließlich Joseph Goebbels heiratet.

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Leben und Sterben in Auschwitz von Dietmar Reinhard

„Der Führer hat die Endlösung der Judenfrage befohlen. Die Juden sind die ewigen Feinde des deutschen Volkes und sie müssen ausgerottet werden. Wir, die SS, haben diesen Befehl des Führers durchzuführen.“ (Seite 45)

Rudolf Höß, ehemaliger Lagerkommandant von Auschwitz, kehrt im April 1947 in die polnische Stadt zurück, und hier wird sein Todesurteil vollstreckt.

Dietmar Reinhard erzählt in seiner Graphic Novel vom Aufbau des KZ Auschwitz, von Kapos und Lagerleben, Tod und Sterben, Gewalt und Willkür, Schikanen und Strafen, Hunger und Krankheiten, der Endlösung und der Befreiung des KZ. Er berichtet zudem von Höß’ Einfluss und seinen Ideen, die die Todesmaschinerie erst möglich gemacht haben.

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Wannsee. Graphic Novel von Fabrice Le Hénanff

„Wir wissen nicht mehr, wohin mit den Juden… Kurz, wir sind hier versammelt, um die technischen Einzelheiten für die Endlösung der Judenfrage zu regeln.“ (Seite 22)

Die Graphic Novel behandelt eines der Schlüsselereignisse des Holocausts an den europäischen Juden: die Wannsee-Konferenz.

Am 20. Januar 1942 treffen sich in einer prächtigen Villa am Wannsee 15 hochrangige Vertreter des Dritten Reiches, „um den Willen des Führers umzusetzen“ (Seite 13). Es handelt sich um eine geheime Zusammenkunft mit Obergruppenführer Heydrich, der die Konferenz leitet.

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Kaltes Krematorium. Bericht aus dem Land namens Auschwitz von József Debreczeni

„Ich glaube, irgendwo in Osteuropa, entlang eines Bahndammes, an einem Waldrand voller blühender Bäume vollzog sich eine erstaunliche Metamorphose. Hier wurden die Menschen der plombierten Höllenzüge zu Tieren. So wie alle anderen, die Hunderttausenden, die der Wahnsinn aus fünfzehn Ländern in die Todesfabriken und Gaskammern spie.

Das war der Moment, in dem uns zum ersten Mal unsere aufrechte Haltung genommen wurde.“ (Seite 16f)

Im Jahre 1944 wurde der ungarische Journalist József Debreczeni (Pseudonym von József Bruner) nach Auschwitz und schließlich in weitere Konzentrationslager deportiert. Die letzte Station vor der Befreiung war die Krankenbaracke des Zwangsarbeitslagers Dörnhau, das sogenannte „kalte Krematorium“.

Debreczeni erzählt von Transport und Selektion, von Lagerhierarchie und dem täglichen Kampf ums Überleben, von Entmenschlichung, von Tod und Sterben, von Qualen und Appell, von Krankheiten und Parasiten. Er berichtet aber auch von Solidarität, von Unterstützung und von der Befreiung der Konzentrationslager.

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Das Verschwinden des Josef Mengele. Graphic Novel nach Olivier Guez von Matz und Jörg Mailliet

„Dieser Comic ist einfach großartig. Mit seinem Szenario hat Matz die Sache auf den Punkt gebracht. Wie von ihm nicht anders zu erwarten, hat er es verstanden, in atemberaubenden Tempo die Etappen der Jagd nach dem am anderen Ende der Welt versteckt lebenden Nazi-Arzt darzustellen, aber auch dessen wachsende Paranoia, seine Einsamkeit und seine Dämonen, die ihn schließlich verschlingen.“ (Seite 5, Vorwort von Olivier Guez)

Helmut Gregor befindet sich an Bord des Ozeandampfers North King auf dem Weg von Italien nach Argentinien. Er hat einen langen Weg hinter sich, ist im Januar 1945 aus Polen geflohen und in der Wehrmacht untergetaucht, hat dann mehrere Wochen in einem amerikanischen Gefangenenlager verbracht, lebte unter falscher Identität in Bayern, und möchte sich nach vier Jahren der Rastlosigkeit und der Angst vor Entdeckung nun in Lateinamerika ein neues Leben aufbauen.

Helmut Gregor ist Josef Mengele, der berühmt-berüchtigte Lagerarzt von Auschwitz, der mit seinen menschenverachteten medizinischen Experimenten in die Annalen der Geschichte eingegangen ist.

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Gott wohnt im Wedding von Regina Scheer (Hörbuch)

„Die meisten denken, ein Haus sei nichts als Stein und Mörtel, totes Material. Aber sie vergessen, dass in meinen Wänden der Atem von all denen hängt, die hier gewohnt haben. Ihre Tränen, ihr Blut habe ich aufgesogen, ich habe ihre Schreie gehört, ihr Flüstern, ihr endloses Gemurmel in den Nächten. All ihre Leben habe ich in mich aufgenommen, durch sie lebe ich selbst, auf meine Weise.“ (Track 2)

In der Utrechter Straße im Berliner Wedding steht ein altes Haus, das um 1890 gebaut wurde, in das seit 115 Jahren die unterschiedlichsten Menschen ein- und ausgehen, und das nun aufgrund der Gentrifizierung dem Untergang geweiht ist.

Zu diesem Haus kehrt im Jahre 2015 Leo Lehmann in Begleitung seiner Enkelin Nira zurück, um Erbangelegenheiten zu klären. Leo, ein Jude, ist damals als sogenanntes „U-Boot“ bei Gertrud Romberg untergekommen, die nach wie vor im gleichen Haus lebt. Leo verbindet zahlreiche Erinnerungen mit dem Haus, u.a. wurde sein Freund Manfred hier vor mehr als 70 Jahren von der Gestapo abgeholt, und Leo fragt sich seitdem, ob Gertrud ihn verraten hat.

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Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész (Buch und Hörbuch)

„[…] es gibt keine Absurdität, die man nicht ganz natürlich leben würde, und auf meinem Weg, das weiß ich schon jetzt, lauert wie eine unvermeidliche Falle das Glück auf mich. Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war. Alle fragen mich immer nur nach Übeln, den ‚Greueln‘: obgleich für mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkwürdigste ist. Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslager, müßte ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen.

Wenn sie überhaupt fragen. Und wenn ich es nicht selbst vergesse.“ (Seite 287)

Ich weiß noch genau, unter welchen Umständen ich Roman eines Schicksallosen gekauft habe: Es war 1998 am Frankfurter Flughafen, kurz vor einem Flug nach Rom. Ich kannte den Autor Imre Kertész noch nicht, und er wurde in Deutschland auch erst vier Jahre später etwas berühmter, nachdem ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde. Ich habe das Buch einzig und allein wegen des Covers gekauft – der knappe Klappentext hatte kaum etwas vom Inhalt des Romans verraten, aber der auf einem Ei liegende Vogel hat mich sofort neugierig gemacht.

Schon nach der ersten Lektüre war ich restlos begeistert von Kertész und seinem Roman, und auch 22 Jahre später ist Roman eines Schicksallosen eines meiner Lieblingsbücher und meiner Meinung nach der beste Roman, der je über die Konzentrationslager geschrieben wurde.

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Spätes Tagebuch. Theresienstadt – Auschwitz – Warschau – Dachau von Max Mannheimer

„Ohne Heim. Ohne Hilfe. Ohne Hoffnung“

Max Mannheimer, Überlebender der Shoa und 2016 im Alter von 96 Jahren verstorben, berichtet von seiner Kindheit in Neutitschein/Tschechoslowakei, vom zunehmenden Antisemitismus in den 1930er Jahren, vom Einmarsch der Deutschen, von der Reichskristallnacht, von der Flucht nach Ungarisch-Brod und schließlich von der Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz, wo fast seine ganze Familie umgebracht wurde. Spätes Tagebuch. Theresienstadt – Auschwitz – Warschau – Dachau von Max Mannheimer weiterlesen →

Sechs Koffer von Maxim Biller

„Es gibt schlechten und es gibt guten Verrat.“ (Bertolt Brecht: Flüchtlingsgespräche)

Schmil Grigorewitsch wurde vom KGB verhaftet und hingerichtet. Wurde er von seiner eigenen Familie verraten? Möglich wäre das, denn einige der Familienmitglieder verhalten sich durchaus auffällig, z.B. Schmils Sohn Dima, der fünf Jahre im berühmt-berüchtigten Prager Gefängnis Pankrác einsaß – wo übrigens auch der Regimekritiker und spätere Staatspräsident Václav Havel seine Gefängnisstrafe abbüßte – und sich dort mit dem Geheimdienst einließ. Sechs Koffer von Maxim Biller weiterlesen →