Schlagwort-Archive: Psychose

Experten für Eigensinn von Jo Becker und Daniela Schlutz

„In jeder Region gibt es einige wenige, in der Helferszene gut bekannte Menschen, die als „besonders schwierig“ bezeichnet werden, als „Systemsprenger“, weil sie die Regeln und Grenzen einer Einrichtung regelmäßig überschreiten, oder als Klienten mit „herausforderndem Verhalten“. Was macht diese Menschen so besonders?

Sie sind nicht immer besonders schwer erkrankt. Die meisten würden sich selbst auch keineswegs als „schwierig“ bezeichnen. Wir Fachleute sind es, die sie so erleben – salopp gesagt, weil sie uns besonders viel Arbeit, Ärger oder manchmal auch Angst bereiten. Mit ihrem Verhalten fordern sie uns heraus, Hilfe zu leisten, während sie es gleichzeitig ablehnen, Psychopharmaka einzunehmen, abstinent zu leben oder die Hausordnung einzuhalten. In der Beziehung zu uns erleben wir sie als unkooperativ. Betrachtet man sie dagegen unabhängig von unseren Anforderungen und Normen, sind es Menschen mit einem starken Willen zur Selbständigkeit. Sie haben eigene Vorstellungen vom Leben und verfolgen diese hartnäckig. Sie sind Experten für Eigensinn.“ (Seite 8)

Im Buch werden 20 Menschen mit herausforderndem Verhalten vorgestellt, die an Schizophrenie, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Depression, Substanzmissbrauch/-abhängigkeit, Zwangsstörung, sozialer Phobie bzw. schizoaffektiver Psychose erkrankt sind.

Der Leser erfährt dabei mehr über die Lebens- und Krankheitsgeschichte der einzelnen Personen, lernt aber auch die Sichtweise von Angehörigen und Professionellen kennen, so dass der Mensch mit dem sogenannten herausfordernden Verhalten von mehreren Seiten beleuchtet, seine Aktionen, Reaktionen etc. aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden.

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Stimmenhören und Recovery von Joachim Schnackenberg und Christian Burr

„Die Grundhaltung der erfahrungsfokussierten Beratung, Stimmenhören als normale menschliche Erfahrung zu akzeptieren, mit der man lernen kann, gut zu leben, und nicht als (nicht verstehbares) Symptom einer Psychose oder einer anderen psychischen Störung zu behandeln, ist für die meisten eine ganz neue, aber sehr bereichernde und ermutigende Erfahrung.“ (Seite 17)

Im Buch, das sich an alle Praktiker im Bereich von Psychiatrie, Psychotherapie und verwandten Fächern und Berufen richtet, geht es u.a. um den Einsatz des sogenannten Maastrichter Interviews, das von Marius Romme und Sandra Escher auf der Basis von Berichten von 400 Stimmenhörenden entwickelt wurde:

„In unserer Forschung und den vielen Kontakten mit Stimmenhörenden stellten wir fest, dass Stimmen in ihrem Leben einen Sinn ergeben. Sie haben eine Verbindung zu persönlichen Problemen. […] Die meisten Stimmenhörenden können mit ihren Stimmen umgehen, nur eine kleine Anzahl braucht fachliche Unterstützung. Wir schlossen daraus, dass Stimmenhören an sich kein Zeichen einer Krankheit darstellt. Allerdings kann man krank werden, wenn man keinen guten Umgang mit den Stimmen findet.“ (Seite 9, Geleitwort von Marius Romme und Sandra Escher)

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Stimmenreich. Mitteilungen über den Wahnsinn von Thomas Bock, Dorothea Buck und Ingeborg Esterer

„Menschen, mit denen man nicht spricht, lernt man auch nicht kennen, nimmt sie nicht als Menschen wahr. Darum konnten Psychiater in kommunalen und kirchlichen Anstalten uns zumuten, was sie selbst nicht ertragen hätten: die trostlose, menschenunwürdige, bloße Verwahrung ohne eine Beschäftigung; die von Psychiatern gegen uns beantragten und rigoros durchgeführten Zwangssterilisationen und ihre lebenslangen Folgen ohne eine menschliche Rehabilitierung; das Töten durch Vergasen, Abspritzen oder Zu-Tode-Hungern von über 200 000 als ‚lebensunwert‘ verurteilten Patientinnen und Patienten. […] Die heute wieder erstarkende biologisch-genetisch orientierte Psychiatrie kann nur unsere Angst erregen, denn sie war eine entscheidende Voraussetzung dieser Verbrechen. Wer die Patientenerfahrung seelisch verursachter Psychosen nicht gelten lässt, wird sie nur medikamentös bekämpfen.“ (Seite 85f)

Seit ich zum ersten Mal auf Thomas Bock gestoßen bin, wusste ich, dass ich mehr von ihm und über seine Anschauungen über Menschen mit Psychosen, über Psychopharmaka und über die therapeutische Beziehung zu Personen mit psychischen Problemen lesen und erfahren möchte. Seitdem habe ich mich näher mit seinen Büchern beschäftigt, und auch Stimmenreich vermittelt viel Wissen über den Umgang mit Menschen mit Psychosen und bietet so wertvolle Impulse für den persönlichen und den professionellen Umgang mit ihnen. Stimmenreich. Mitteilungen über den Wahnsinn von Thomas Bock, Dorothea Buck und Ingeborg Esterer weiterlesen

Eine andere Art von Wahnsinn von Stephen P. Hinshaw

„Menschen, die sich erinnern, beschwören den Wahnsinn durch Schmerz herauf, durch den Schmerz über den ständig wiederkehrenden Tod ihrer Unschuld; Menschen, die vergessen, beschwören eine andere Art von Wahnsinn herauf, den Wahnsinn, der durch Schmerzverleugnung und Hass auf die Unschuld entsteht, und die Welt ist vorwiegend bevölkert mit Wahnsinnigen, die sich erinnern, und mit Wahnsinnigen, die vergessen.“ (Seite 7f, Zitat von James Baldwin)

Wenn sich Stephen P. Hinshaw an seine Kindheit erinnert, sind das oft wochen- oder gar monatelange Verschwinden seines Vaters Virgil Jr. Hinshaw, das Schweigen über die Gründe hierfür und die Sorge des Sohnes, sein Vater könnte niemals wieder nach Hause zurückkehren, zentrale Themen, die sein Leben stark geprägt haben.

Als Stephen P. Hinshaw erwachsen ist, öffnet sich sein Vater ihm gegenüber plötzlich und erzählt in diesem ersten Gespräch und in vielen weiteren Unterhaltungen in den folgenden 24 Jahren von seiner psychischen Erkrankung, die er seinen Kindern und dem größten Teil seines sozialen Umfelds so lange verschwiegen hat. Er berichtet von einer ersten psychotischen Episode im Alter von 16 Jahren und zahlreichen weiteren Episoden, seinen Aufenthalten in psychiatrischen Anstalten, Fixierung und inhaltsleeren Stunden, Tabuisierung und Scham, Elektrokonvulsionstherapie und Insulinschocktherapie, Barbituraten und Antipsychotika, Gewalt und Machtlosigkeit, Schweigen und Leugnen, Isolation und Ausgrenzung. Eine andere Art von Wahnsinn von Stephen P. Hinshaw weiterlesen

Recoveryorientierte Gruppenarbeit für Menschen mit Psychoseerfahrungen von Sebastian von Peter, Antje Wilfer und Andreas Gervink

„Die Recoverybewegung hat auch deshalb so viel Anklang gefunden, weil sie sich gegen die demoralisierende Hoffnungslosigkeit vieler professionell Tätiger zur Wehr gesetzt und gezeigt hat, dass ein sinnerfülltes Leben und/oder Heilung trotz schwerer und langwieriger Beeinträchtigungen möglich ist.“ (Seite 68)

Die Gruppe „Lebenswege“ wurde 2011 mit dem Ziel ins Leben gerufen, um bei Menschen mit Psychoseerfahrungen Recoveryprozesse anzustoßen, sie zu fördern oder sie zumindest nicht zu behindern. Diese Gruppe wird angeleitet durch eine Genesungsbegleiterin, einen Arzt und eine Pflegekraft und bietet einen Erfahrungsaustausch von Menschen mit und ohne Erfahrungsexpertise. Recoveryorientierte Gruppenarbeit für Menschen mit Psychoseerfahrungen von Sebastian von Peter, Antje Wilfer und Andreas Gervink weiterlesen

Bücher über psychische Störungen

In diesem Post liste ich Bücher über psychische Störungen auf. Dabei weiche ich diesmal von meiner Gliederung in Belletristik, Sachbücher etc. ab und gruppiere die Bücher nach psychischen Störungen bzw. nach anderen Themen. Aus diesem Grunde finden sich einige Bücher unter verschiedenen Überschriften, z.B. sowohl unter „affektive Störungen“ als auch unter „Suizid“. Bücher über psychische Störungen weiterlesen

Heiter bis wolkig von Myrthe van der Meer

„Viele Dinge in der Psychiatrie sind erniedrigend. Eingewiesen zu werden ist eins davon. Einen Psychiater zu haben bringt auch nicht gerade viele Punkte ein. Mit deinem Lebensgefährten zu deinem Psychiater zu gehen, um eingewiesen zu werden, ist wahrscheinlich der Inbegriff der Erniedrigung.“ (Seite 20)

Myrthe van der Meer ist eigentlich auf dem Weg zum Abschlussgespräch mit ihrer Psychiaterin, wird von einem Vertretungsarzt jedoch kurzerhand auf Station eingewiesen, da sie Medikamente gebunkert und auf ganz rationale Art ihren Suizid geplant hat. Sie war in den letzten zwei Jahren fünf Monate in der Psychiatrie und mehrere Monate in der Tagesklinik, hat verstanden, dass ihre Depression immer wieder kommen wird, und möchte so nicht weiterleben. Heiter bis wolkig von Myrthe van der Meer weiterlesen

Von Goa nach Walsrode von Florian Reisewitz

„Ich selbst war mir sicher, dass ich wusste, was ich tat.“ (Seite 28)

Florian Reisewitz hatte seine erste psychotische Episode vor mehr als 20 Jahren und erzählt in seinem Erfahrungsbericht vom ersten Kontakt mit Cannabis, Spaß mit Freunden, regelmäßigem Gebrauch und erster Paranoia, von Goa-Partys, von seinem Experimentieren mit Psilocybin, Lachgas, Ecstasy, Speed, MDMA und LSD, von Horrortrips, von Beziehungsideen und von Verfolgungswahn. Von Goa nach Walsrode von Florian Reisewitz weiterlesen

Kompass ohne Norden von Neal Shusterman

„Alles hat Bedeutung da draußen, ich muss sie nur finden.“ (Seite 68)

Kompass ohne Norden ist keine fiktive Geschichte, sondern basiert auf der Krankheitsgeschichte von Brendan, Neal Shustermans Sohn, der im Alter von 15 Jahren an einer schizoaffektiven Psychose erkrankte.

Anhand des Hauptprotagonisten Caden Bosch (Brendans Alter Ego) zeigt Shusterman, wie sich die Symptome seines Sohnes entwickelten, wie sie sich im Verlauf veränderten, wie die Behandlung bei seinem neunwöchigen Klinikaufenthalt aussah, welche Auswirkung die medikamentöse Behandlung hatte.

Caden lebt in einer furchteinflößenden Welt: Monster sind in seinen Geist eingedrungen, haben Bilder herausgerissen und daraus Masken gemacht, so dass sie wie die Menschen aussehen, die Caden liebt. Sie lachen über ihn, sprechen über ihn, und sie sorgen dafür, dass Caden seine Umgebung als feindselig und bedrohlich empfindet, nicht mehr weiß, wem er trauen kann, sich immer mehr verschließt. Kompass ohne Norden von Neal Shusterman weiterlesen

Morgen bin ich ein Löwe von Arnhild Lauveng

„Früher verbrachte ich meine Tage als Schaf,
während sich alles in mir danach sehnte, über die
Savanne zu jagen.
Und ich ließ mich treiben, vom Pferch auf die Weide
und wieder in den Stall, wenn sie sagten, das sei für
ein Schaf so das Beste.
Und ich wusste, dass das falsch war.
Und ich wusste, dass es so nicht ewig gehen würde.

Früher verbrachte ich meine Tage als Schaf.
Aber morgen bin ich ein Löwe.“ (Seite 9)

Arnhild Lauveng war schizophren. Dies ist eine Phrase, die es in der Psychiatrie eigentlich nicht gibt, denn entweder ist man schizophren oder man ist es nicht. Man hat bestensfalls ein symptomfreies Intervall, aber die F20, mit der die Schizophrenie in der ICD-10 verschlüsselt ist, ist eine sogenannte Lebenszeitdiagnose, die man im Normalfall nie wieder los wird, auch wenn man nur eine einzige schizophrene Episode im Leben gehabt haben sollte.

Lauveng hat es jedoch geschafft, diese Diagnose wieder los zu werden (auch wenn es einige Menschen gibt, die das nicht akzeptieren möchten und/oder an einer initialen Schizophrenie-Diagnose zweifeln), nachdem sie insgesamt 6-7 Jahre ihres Lebens in psychiatrischen Kliniken verbracht hat. Morgen bin ich ein Löwe von Arnhild Lauveng weiterlesen