Das Lächeln meiner Mutter von Delphine de Vigan

„Wahrscheinlich hatte ich gehofft, aus diesem seltsamen Material würde sich eine Wahrheit herausschälen. Aber es gab keine Wahrheit. Ich hatte nur verstreute Bruchstücke, und schon das Ordnen dieser Bruchstücke war eine Fiktion. […] Was versuchte ich eigentlich, wenn nicht dem Schmerz meiner Mutter näherzukommen, seinen Umfang, seine versteckten Winkel und den Schatten, den er warf, zu erkunden?“ (Seite 39)

Delphine de Vigan findet die Leiche ihrer Mutter Lucile in deren Wohnung, wo sie mehrere Tage lag, ohne dass jemand von ihrem Tod wusste. Nach langem Ringen mit sich entscheidet sie sich dafür, über ihre Mutter zu schreiben, befragt Familienangehörige, liest Briefe, hört Tonbandkassetten an, möchte verstehen, warum sich Lucile suizidiert hat.

„Wahrscheinlich hatte ich den Wunsch, eine Hommage an Lucile zu schreiben, ihr einen Sarg aus Papier […] zu schenken und ihr ein Leben als Figur zu geben. Doch ich weiß auch, dass ich durch das Schreiben nach dem Ursprung ihres Leids suche, als gebe es einen bestimmten Augenblick, in dem der Kern ihrer Persönlichkeit auf endgültige und nicht wiedergutzumachende Weise verletzt worden wäre.“ (Seite 72f)

De Vigan erzählt in ihrem autobiografischen Roman Das Lächeln meiner Mutter von Luciles Kindheit, Jugend und ihrem Erwachsenenalter, berichtet von verschiedenen Tragödien, die sich über die Jahre in der Familie zugetragen haben, von Luciles Ängsten und ihrer Bipolar-Störung, von der Ehe von Luciles Eltern und von ihren eigenen Partnerschaften und Trennungen, von Klinikaufenthalten, Suizidalität, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch sowie Wahnideen und Halluzinationen.

Das Lächeln meiner Mutter wurde mir vor einigen Jahren von einer Freundin empfohlen und stand seitdem ungelesen in meinem Regal, obwohl ich schon viele Bücher der Autorin mit großer Begeisterung gelesen habe. Ich denke aber, dass für ein Buch wie dieses die richtige Zeit kommen muss, in der man sich mit der Thematik, vor allem wenn einem das Thema Suizid nicht fremd ist, auseinandersetzen möchte. Nun habe ich de Vigans Roman gelesen und bin wieder einmal begeistert von der Eindringlichkeit und der Art und Weise, wie die Autorin die Familiengeschichte und die persönliche Geschichte Luciles seziert, erklärt und versteht.

Ich empfinde de Vigans Roman nicht nur als bewegend erzählte persönliche Geschichte, sondern auch als universelle Auseinandersetzung mit dem Thema Suizid. Die Autorin teilt in ihrem Buch Gedanken und Gefühle, die all jenen, die bereits mit Suiziden im näheren Umfeld in Kontakt kamen, bekannt vorkommen dürften und die dem Leser zeigen, dass man mit den eigenen Empfindungen nicht allein dasteht.

Dabei sind vor allem die Gedanken an die letzten Stunden ihrer Mutter, die Frage nach den Gedanken und Gefühlen kurz vor dem Sterben sowie die Ausführungen, in denen de Vigan von der übermächtigen Angst spricht, ihre Mutter tot in der Wohnung zu finden, authentisch und eindrücklich erzählt.

„Die Angst verließ mich nicht mehr, manchmal drückte sie mir die Luft an. Ich wusste nicht, was sie zu bedeuten hatte. Langsam nahmen meine Befürchtungen Gestalt an: Ich hatte Angst, sie tot aufzufinden.“ (Seite 184)

Mich hat de Vigans Roman berührt, bewegt, zum Nachdenken angeregt und zum Weinen gebracht. Sie zeigt in Das Lächeln meiner Mutter nicht nur die eigenen Gefühle im Zusammenhang mit dem Suizid ihrer Mutter, sondern sie macht auch Luciles Verzweiflung deutlich. Sie stellt so beide Seiten des Suizids vor: die Sicht des Suizidenten und die Sicht der Hinterbliebenen, die man beide verstehen und nachvollziehen kann, die beide schmerzlich sind.

Delphine de Vigan: Das Lächeln meiner Mutter. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Droemer, 2013, 381 Seiten; 19,99 Euro.

Dieser Post ist Teil des Monatsthemas „Psychische Störungen“ im Februar 2019.

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