Das Evangelium der Aale von Patrik Svensson

„Wenn man nicht weiß, woher man kommt, kann man auch nicht wissen, wohin man geht.“ (Seite 238)

Die Geburt der Aale vollzieht sich im nordwestlichen Atlantik, in der Sargassosee. Hier laicht der Europäische Aal ab, und hier schlüpfen die sogenannten Weidenblattlarven bzw. Leptocephalus-Larven, die sich sofort auf die weite Reise zur europäischen Küste begeben. Bis zu drei Jahre sind die Weidenblattlarven unterwegs, und wenn sie an der europäischen Küste ankommen, durchlaufen sie ihre erste Metamorphose und werden zum Glasaal.

Von der europäischen Küste wandern die meisten Glasaale die Flüsse hinauf, passen sich ans Süßwasser an, durchlaufen ihre zweite Metamorphose und werden zum Gelbaal.

Der Gelbaal verbringt den Großteil seines weiteren Lebens an einem einzigen Ort, den er selbst wählt und zu dem er immer wieder zurückkehrt. Bis zu 50 Jahre können ins Land gehen, bis der Gelbaal plötzlich beschließt sich fortzupflanzen, die Wanderung zum Meer antritt und seine letzte Metamorphose durchläuft. Nun wird der Gelbaal zum Blankaal, schwimmt durch den Atlantik bis zur Sargassosee. Dort laicht er ab und stirbt kurz darauf.

Patrik Svensson erzählt in seinem grandiosen Debüt von den vielen Facetten des Aals und stellt Bezüge zum Menschen her. Er lässt den Leser an Themen wie Aristoteles‘ Anschauungen über Aale, dem Mysterium der Fortpflanzung der Aale und Sigmund Freuds Suche nach den Keimdrüsen der Aale teil haben, erzählt von der Entdeckung der Laichplätze, Aalfischerei, vom Aal in verschiedenen Kulturen und Epochen sowie in der Literatur, vom Branteviksaal, Forschungstätigkeit und Zuchtversuchen, vom sechsten Massensterben und dem Ende des Aals.

Verwoben sind diese Geschichten über den Aal mit der Geschichte von Svensson selbst und seinem Vater.

Ich habe mich bisher nicht mit Aalen beschäftigt und wusste vor der Lektüre zwar grob von ihren Wanderungen, aber die faszinierenden Details der Geburt, des Lebens, der Fortpflanzung und des Todes der Aale waren mir bislang nicht bekannt.

Das Evangelium der Aale hat mich staunen lassen, mich bewegt und berührt, mich traurig gestimmt, mich neugierig auf Aale gemacht und mich über das Leben, den Tod, die Suche nach Herkunft, Heimat und Heimkehr sowie den Weg, den man im Laufe seines Lebens beschreitet, nachdenken lassen. Svensson hat mich mit seinem wundervollen Buch also mitten ins Herz getroffen, und der ungewöhnliche Genremix aus Sachbuch und Erinnerungen hat mich von Anfang an begeistert.

Das Evangelium der Aale ist nicht nur ein poetischer, exzellent geschriebener und perfekt konstruierter Vergleich zwischen Aalleben und Menschenleben, sondern ermöglicht dem Leser auch Einblicke in das Mysterium der Aale, vermittelt Wissen über die Tiere und wirft philosophische Fragen um Tod und Sterben auf.

Das Evangelium der Aale ist ein echtes Meisterwerk und steht jetzt schon ganz oben auf der Liste meiner Lieblingsbücher 2020.

„Ist eine Welt ohne Aal vorstellbar? Lässt sich ein Lebewesen, das es seit mindestens vierzig Millionen Jahren gibt, das Eiszeiten überlebt und Kontinente auseinanderdriften sehen hat, das, als der Mensch auf die Erde kam, schon seit Millionen von Jahren auf ihn wartete und das im Lauf der Zeit Gegenstand so vieler Traditionen, Rituale, Mythen und Geschichten geworden ist, einfach so wegdenken?

Nein, möchte man spontan sagen, so funktioniert die Vorstellung nicht. Was es gibt, gibt es, und was es nicht gibt, ist in gewissem Sinne undenkbar. […]

Und gleichzeitig ist alles Leben veränderlich, wir alle werden uns irgendwann verwandeln.“ (Seite 232)

Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz. Carl Hanser Verlag, 2020, 256 Seiten; 22 Euro.

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