Eine andere Art von Wahnsinn von Stephen P. Hinshaw

„Menschen, die sich erinnern, beschwören den Wahnsinn durch Schmerz herauf, durch den Schmerz über den ständig wiederkehrenden Tod ihrer Unschuld; Menschen, die vergessen, beschwören eine andere Art von Wahnsinn herauf, den Wahnsinn, der durch Schmerzverleugnung und Hass auf die Unschuld entsteht, und die Welt ist vorwiegend bevölkert mit Wahnsinnigen, die sich erinnern, und mit Wahnsinnigen, die vergessen.“ (Seite 7f, Zitat von James Baldwin)

Wenn sich Stephen P. Hinshaw an seine Kindheit erinnert, sind das oft wochen- oder gar monatelange Verschwinden seines Vaters Virgil Jr. Hinshaw, das Schweigen über die Gründe hierfür und die Sorge des Sohnes, sein Vater könnte niemals wieder nach Hause zurückkehren, zentrale Themen, die sein Leben stark geprägt haben.

Als Stephen P. Hinshaw erwachsen ist, öffnet sich sein Vater ihm gegenüber plötzlich und erzählt in diesem ersten Gespräch und in vielen weiteren Unterhaltungen in den folgenden 24 Jahren von seiner psychischen Erkrankung, die er seinen Kindern und dem größten Teil seines sozialen Umfelds so lange verschwiegen hat. Er berichtet von einer ersten psychotischen Episode im Alter von 16 Jahren und zahlreichen weiteren Episoden, seinen Aufenthalten in psychiatrischen Anstalten, Fixierung und inhaltsleeren Stunden, Tabuisierung und Scham, Elektrokonvulsionstherapie und Insulinschocktherapie, Barbituraten und Antipsychotika, Gewalt und Machtlosigkeit, Schweigen und Leugnen, Isolation und Ausgrenzung.

Durch die Gespräche mit seinem Vater und dessen Brüdern sowie durch das Lesen zahlreicher Briefe gelingt es Stephen P. Hinshaw schließlich, die Puzzleteilchen des Lebens seines Vaters zusammenzulegen, um ihn und seine Erkrankung besser verstehen zu können.

Neben den Schilderungen der persönlichen Geschichte des Vaters und des Lebens von Stephen P. Hinshaw selbst kommt der Autor im gesamten Buch immer wieder auf das Thema Stigma zu sprechen, erklärt die Ursachen und antizipiert die Folgen von Stigmatisierung, berichtet von seinem Bestreben, als Professor für Psychologie und Psychiatrie Stigmatisierung zu verringern und Betroffenen von psychischen Störungen konkrete Hilfe zu bieten.

„Einerseits weiß die Öffentlichkeit weitaus mehr über psychische Krankheiten als früher. […] Zugleich zeigen mehrere groß angelegte Untersuchungen, dass die Einstellung der Öffentlichkeit zu psychischen Krankheiten, die in den 1950er-Jahren so erbärmlich war, seit dieser Zeit im Wesentlichen unverändert geblieben ist – dies bedeutet, dass der Wunsch, auf Distanz zu bleiben, weiterhin groß ist. Und dreimal so viele Menschen wie vor sechzig Jahren glauben heute, dass psychische Krankheiten zwangsläufig mit Gewalt verbunden sind. In zentralen Punkten haben wir es eigentlich sogar mit einer Rückwärtsentwicklung zu tun.“ (Seite 82)

Stephen P. Hinshaw behandelt in seinem Buch ein enorm wichtiges Thema, das wertvolle Einblicke in die Auswirkungen von psychischen Störungen und deren Tabuisierung auf die Familie und das gesamte soziale Umfeld bietet. Meiner Meinung nach ist das Buch jedoch nicht immer so stringent und geradlinig erzählt, wie ich es mir gewünscht hätte, wodurch ich Eine andere Art von Wahnsinn langsamer als gewöhnlich gelesen habe. Nichtsdestotrotz lege ich das Buch jedem ans Herz, der sich mehr mit Stigmatisierung psychischer Störungen beschäftigen will sowie anderen Menschen die Folgen von Ausgrenzung und Isolation nahebringen möchte.

„Die öffentliche Stigmatisierung psychisch kranker Menschen steht der adäquaten Behandlung, ihrer Gesundung und Integration erheblich entgegen. Das Stigma ist für Betroffene oft eine gravierende zusätzliche Belastung und gilt daher auch als „zweite Krankheit“. Erhöhter Stigma-Stress und die damit verbundene Scham und Angst vor Zurückweisung und Ausgrenzung befördern die Geheimhaltung der eigenen psychischen Erkrankung, die Verheimlichung oder Vermeidung von Inanspruchnahme professioneller Hilfe sowie den sozialen Rückzug der Betroffenen mit der Konsequenz, dass auch unterstützende soziale Ressourcen nicht mehr genutzt werden können.“ (Nachwort von Tobias Banaschewski, Jörg M. Fegert und Andreas Meyer-Lindenberg, Seite 346)

Meine Besprechung bezieht sich auf die 1. Auflage des Buches. Eine 2., vollständig überarbeitete Auflage erscheint Anfang Juni 2019 im Psychiatrie Verlag.

Stephen P. Hinshaw: Eine andere Art von Wahnsinn. Vom langen Schweigen und Hoffen einer Familie. Übersetzt von Matthias Reiss. Psychiatrie Verlag, 2019, 350 Seiten; 20 Euro.

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