Schlagwort-Archive: Flucht

Die niedrigen Himmel von Anthony Marra

„weil das Gute in mir dort gestorben ist, und all das, alles seitdem war ein Leben nach dem Tod, dem ich entfliehen wollte“

Tschetschenien im Jahre 2004: Hawahs Vater Dokka wird in der Nacht von Föderalen abgeholt, ihr Haus wird niedergebrannt, doch der 8-jährigen Hawah gelingt die Flucht. Achmad, ein Nachbar und Freund, bringt Hawah in eine nahegelegene Stadt und bittet die Ärztin Sonja um Hilfe, bis er für Hawah ein neues Zuhause gefunden hat.

Nach und nach erzählt Anthony Marra vom Leben seiner Protagonisten über 10 Jahre hinweg sowie die Geschichte des kriegsgebeutelten Tschetschenien und entwirft so ein umfassendes Bild vom Leben in Kriegszeiten. Die niedrigen Himmel von Anthony Marra weiterlesen

Sechs Koffer von Maxim Biller

„Es gibt schlechten und es gibt guten Verrat.“ (Bertolt Brecht: Flüchtlingsgespräche)

Schmil Grigorewitsch wurde vom KGB verhaftet und hingerichtet. Wurde er von seiner eigenen Familie verraten? Möglich wäre das, denn einige der Familienmitglieder verhalten sich durchaus auffällig, z.B. Schmils Sohn Dima, der fünf Jahre im berühmt-berüchtigten Prager Gefängnis Pankrác einsaß – wo übrigens auch der Regimekritiker und spätere Staatspräsident Václav Havel seine Gefängnisstrafe abbüßte – und sich dort mit dem Geheimdienst einließ. Sechs Koffer von Maxim Biller weiterlesen

Am Abend vor dem Meer von Khaled Hosseini

„Ich wünschte, du hättest Homs so in Erinnerung wie ich.“

Khaled Hosseini, 1965 in Kabul geboren und selbst mit seiner Familie von Afghanistan in die USA geflohen, verarbeitet in seiner Erzählung Am Abend vor dem Meer seine eigene Geschichte von Flucht aus der Heimat und Neuanfang in einem fremden Land und ließ sich zudem von der Geschichte des dreijährigen Alan Kurdi inspirieren, der am 2. September 2015 bei der Flucht aus Syrien im Mittelmeer ertrank.

Hosseini lässt einen Vater erzählen, der einen Brief an seinen Sohn schreibt, in dem er ihm von einem märchenhaften Homs vorschwärmt, von einem Ort, an den sich sein Sohn nicht erinnern wird, da sich das Leben nach den Protesten und dem Ausbruch des Krieges in Syrien dramatisch geändert hat und das heutige Homs nichts mit dem Homs von vor 2012 zu tun hat. Am Abend vor dem Meer von Khaled Hosseini weiterlesen

Und die Vögel werden singen von Aeham Ahmad

„Ich wusste nicht mehr, wie ich helfen konnte, also habe ich mein Klavier mit in die Gassen genommen und begonnen, Lieder zu spielen, um den Menschen Mut zu machen.“ (Seite 257)

Aeham Ahmad, in Damaskus geboren und im Damaszener Vorort Yarmouk aufgewachsen, wurde schon früh von seinem Vater musikalisch gefördert. Was von Ahmad anfangs oft als Belastung empfunden wurde, wandelte sich schließlich zu einer Leidenschaft fürs Klavierspielen und für die Musik und wurde nach Ausbruch des Krieges in Syrien letztendlich zu einer Überlebensstrategie und einer Möglichkeit, sich selbst und anderen Menschen Mut und Hoffnung zu schenken, beim Durchhalten, Weiterkämpfen und Überleben zu helfen. Und die Vögel werden singen von Aeham Ahmad weiterlesen

Tribunal von André Georgi

„Sie hatte inzwischen mehr fremde Erinnerungen als eigene.“

Jasna Brandic ist Ermittlerin des Tribunals in Den Haag und hat es endlich geschafft, einen Kronzeugen aufzuspüren, der gegen den Massenmörder Marko Kovac aussagen wird. Kurz vor der Verhandlung wird der Kronzeuge erschossen, und es sieht fast so aus, als würde es niemanden mehr geben, der gegen den serbischen Kriegsverbrecher aussagen könnte. Tribunal von André Georgi weiterlesen

Wie der Soldat das Grammofon repariert von Saša Stanišić (Hörbuch)

„Eine gute Geschichte, hättest du gesagt, ist wie unsere Drina: nie stilles Rinnsal, sie sickert nicht, sie ist ungestüm und breit, Zuflüsse kommen hinzu, reichern sie an, sie tritt über die Ufer, brodelt und braust, wird hier und da seichter, dann sind das aber Stromschnellen, Ouvertüren zur Tiefe und kein Plätschern. Aber eines können weder die Drina noch die Geschichten: für beide gibt es kein Zurück.“ (CD 4, Track 5)

Aleksandar wächst in Višegrad auf, einer bosnischen Kleinstadt in unmittelbarer Nähe zur serbischen Grenze, die durch den Roman Die Brücke über die Drina des Literaturnobelpreisträgers Ivo Andrić berühmt geworden ist.

Aleksandar ist ein talentierter Geschichtenerzähler, der allerlei kuriose Anekdoten über seine Familie wiedergeben kann und der in Schulaufsätzen immer wieder das Thema verfehlt, weil seine Fantasie mit ihm durchgeht.

Nach dem Ausbrechen des Bosnienkrieges flieht der 14-jährige Aleksandar zusammen mit seiner Familie nach Deutschland, wo sie sich ein neues Leben aufbauen und wo Aleksandars Fabulierkunst zur wichtigen Überlebensstrategie wird, um sich in der neuen Heimat einzufinden und über Geschichten Verbindungen zur verlorenen Heimat zu knüpfen. Wie der Soldat das Grammofon repariert von Saša Stanišić (Hörbuch) weiterlesen

Das Echo der Bäume von Sara Nović

„Die bringen sie um“, sagte der Mann.
„Wen?“, fragte mein Vater […].
„Jeden.“ (Seite 68)

Kroatien im Jahre 1991: Die zehnjährige Ana verbringt zum ersten Mal den Sommer in Zagreb und nicht an der Küste, denn die Serben haben die Straßen zum Meer blockiert. Auch in Zagreb kommt es schließlich zu Kampfhandlungen, Luftangriffen, Lebensmittelknappheit – der Krieg hat die Hauptstadt erreicht.

Anas acht Monate alte Schwester Rahela ist schon länger krank, und nachdem die Eltern bereits Hilfe in Slowenien gesucht haben, machen sie sich nun zu viert auf den Weg nach Sarajevo, wo Rahela zurückgelassen wird, damit sie in den USA eine Chance auf Heilung und ein Leben ohne Krieg erhält.

Auf der Rückfahrt von Sarajevo nach Zagreb werden Ana und ihre Eltern von paramilitärischen Gruppen der Serben angehalten, aus dem Auto geholt und in einen nahegelegenen Wald gebracht. Dort werden Anas Eltern erschossen, doch Ana kann durch einen Trick ihres Vaters überleben. Das Echo der Bäume von Sara Nović weiterlesen

Häuser aus Sand von Hala Alyan

„Die Sehnsucht nach dem Vergangenen ist eine Qual. […] Das Verlangen nach dem, was verschwunden ist, kann einen Menschen hinwegraffen wie Fieber oder Krebs. Nicht nur die unerträglichen Verluste, auch die kleinen Dinge.“ (Seite 99)

Hala Alyan erzählt in Häuser aus Sand, ihrem ersten Roman, der auf Deutsch erschienen ist, von der Familie Yacoub, die ursprünglich aus Jaffa stammt, aber im Zuge der Gründung des Staates Israel aus ihrer Heimat vertrieben wurde.

Die Geschichte um die Yacoubs beginnt mit Salma, die sich nach dem Verlust ihrer Villa und ihrer Orangenplantage in Jaffa zusammen mit ihrem Mann Hussam und ihren drei Kindern ein neues Leben in Nablus aufbaut. Die Traurigkeit, die der Verlust der Heimat in Salma und Hussam auslöst, zieht sich auch durch die nachfolgenden Generationen, die immer und immer weiterziehen müssen, deren Leben durch Vertreibung und Kriege, aber auch durch Heirat und Studium stets an einen neuen Ort verlegt werden muss, wo die einzelnen Familienmitglieder mehr oder weniger Fuß fassen können. Häuser aus Sand von Hala Alyan weiterlesen

Beschreibung einer Krabbenwanderung von Karosh Taha

„Er erzählte mir vom Krabbenvolk, das eines Tages beschloss, auszuwandern, und sie vergaßen in einer Höhle die kleinste Krabbe, weil diese geschlafen hatte. Als sie aufwachte, waren all ihre Freunde und Verwandten weg, sogar die Eltern, die Geschwisterchen, und die kleine Krabbe bewohnte seitdem allein den riesigen Strand. Sie irrte also im Chabur umher und kniff jedem in die Wade, der ihr zu nahe kam.“ (Seite 13)

Die 22-jährige Sanaa ist im Irak aufgewachsen, aber lebt nun mit ihren Eltern, ihrer Schwester Helin und weiteren Verwandten in Deutschland.

Sanaa fühlt sich verantwortlich für ihre Familie und macht sich Sorgen um ihre depressive Mutter Asija, die nur zu Hause sitzt, nicht mehr kocht und sich für nichts interessiert, um ihren Vater Nasser, der sich anscheinend mit einer anderen Frau trifft, die wie eine Prostituierte aussieht, um Halin, die orientierungslos und ohne Ambitionen für die Zukunft ist. Auch die ständige Überwachung durch ihre Tante Khalida, die im selben Haus wohnt, zehrt an Sanaas Nerven. Beschreibung einer Krabbenwanderung von Karosh Taha weiterlesen

Frauen dürfen hier nicht träumen von Rana Ahmad

„Wie kann es sein, dass es für sie so selbstverständlich ist, frei zu sein, während es mir erscheint, als sei es das Größte und Ungeheuerlichste, das man sich vorstellen kann?“ (Seite 217)

Ich muss zugeben, dass ich eher vorsichtig bei Tatsachenberichten über Frauen aus islamischen Ländern bin, denn allzu schnell fühle ich mich an Negativbeispiele wie Nicht ohne meine Tochter erinnert, die allerlei Schubladen bedienen, Vorurteile eher verstärken als Aufklärung zu bieten, Ablehnung und Unwissen erhöhen statt Verständnis und Wissen zu vermitteln und Halbwissen zu eliminieren.

Frauen dürfen hier nicht träumen hätte ich aufgrund des Titels wohl eher nicht in die Hand genommen. Ich habe es einzig und allein deshalb getan, weil Richard Dawkins, den ich sehr schätze, auf dem Einband zitiert wird. Und ich dachte: „Was Dawkins lesenswert findet, muss inhaltlich gut und wichtig sein.“. Mit dieser Einschätzung lag ich goldrichtig, denn Frauen dürfen hier nicht träumen ist ein komplexes, ein ausgezeichnet geschriebenes und ein sehr bewegendes Buch, das ich jedem empfehle, der Einblicke in das Leben einer Frau in Saudi-Arabien erhalten möchte, und jedem ans Herz lege, der der Meinung ist, aus so einem Land müsse man nicht fliehen. Frauen dürfen hier nicht träumen von Rana Ahmad weiterlesen