Syrien. Ein Land ohne Krieg von Lutz Jäkel und Lamya Kaddor

„Plötzlich sah ich die Vergangenheit in der Gegenwart und wusste, das wird auch die Zukunft dieses Landes sein. Syrien ist nicht tot.“

Wann immer syrische Freunde von ihrer Heimat gesprochen haben, haben sie mir von einem wunderschönen Land erzählt, in dem man gastfreundliche Menschen, unglaublich gutes Essen, vorislamische Bauten und Kulturschätze der Umayyadenzeit findet. Syrien war ein sicherer Ort – zumindest für Touristen, Regimegegner hatten es schwer unter der Herrschaft der al-Assads.

Von der Schönheit Syriens ist seit 2011 viel verlorengegangen, auch wenn z.B. die Altstadt Damaskus‘ noch nahezu unversehrt ist. Befreundete Geflüchtete erzählen mir noch immer von der überwältigenden Schönheit des Landes, aber unter diese Berichte einer verlorenen Heimat mischen sich nunmehr vor allem die Geschichten von Bombardierungen, von Elend, Krieg und Tod.

Aufgrund der Tatsache, dass man sich heute nicht mehr vor Ort davon überzeugen kann, wie reich Syrien an Kulturschätzen war/ist, was die Mentalität der Menschen ausmacht und wie der Alltag im Leben der Syrer aussah, finde ich den Bildband Syrien. Ein Land ohne Krieg so wichtig und so unterstützenswert, auch wenn ich ein paar kleinere Kritikpunkte habe.

Der Bildband ist durchweg zweisprachig (deutsch/arabisch), was mich sehr freut, da ich dadurch mein eingerostetes Arabisch auffrischen konnte, und was andererseits auch im Hinblick darauf, dass das Buch Deutsche und Syrer verbinden kann, sehr gelungen ist.

Die Fotografien von Lutz Jäkel sind sowohl schwarz/weiß als auch farbig, und oft haben mir die Bilder von Menschen, von Situationen in den engen Gässchen, von Architektur, von Landschaften und von Essen sehr gut gefallen. Allerdings gibt es auch ein paar Bilder im Buch, die meiner Meinung nach weniger gut gelungen sind, z.B. ein paar pixelige oder sehr kontrastarme Fotos sowie die vielen Dutch-Tilt-Fotos, die einfach selten meinen Geschmack treffen.

Auch die seitlich angebrachten Legenden fand ich nicht allzu gelungen. Zwar lenkt dadurch die Schrift nicht vom Foto ab, aber man muss zum Lesen entweder den Kopf schief halten oder das Buch ständig drehen, was ich beides unbequem fand.

Was mir jedoch außerordentlich gut gefallen hat, sind die Einblicke in den syrischen Alltag vor 2011, die Ausblicke in die Ereignisse nach 2011, die deutlich machen, was aus den jeweiligen Gebäuden etc. geworden ist, sowie die bewegenden, hoffnungsvollen, traurigen, anrührenden Texte, die Syrer, Deutsch-Syrer und deutsche Syrien-Freunde zu den Fotos Jäkels geschrieben haben.

Mich hat das Buch sehr nachdenklich und traurig gemacht, denn es zeigt sehr klar, wie der Krieg die Schönheit des Landes, die Lebensgrundlage der Syrer und das Leben der Menschen zerstört hat – und wie schnell aus Alltag und Normalität eine Katastrophe werden kann.

Lutz Jäkel und Lamya Kaddor: Syrien. Ein Land ohne Krieg. Malik, 2017, 200 Seiten; 45 Euro.

6 Gedanken zu „Syrien. Ein Land ohne Krieg von Lutz Jäkel und Lamya Kaddor“

  1. Ich bin SOOOO neidisch! Du hast dieses Buch!! Ahhh! Es ist so teuer und ich muss es noch nach hinten schieben. Verfolgte die Entstehung lange Zeit und wollte es am liebsten gleich in meinen Händen halten…

    Glg liebe & neidische Grüße vom monerl

    1. Mir fallen direkt zwei Lösungen ein:
      1. Bald ist Weihnachten, setz es auf deine Wunschliste. Vielleicht findet sich ja ein lieber Mensch, der dich damit beglückt. Ich drücke dir ganz fest die Daumen!
      2. Komm für ein Wochenende nach Berlin und lies es hier. Wirklich: Falls dich deine Wege mal nach Berlin führen, sag Bescheid. Dann trinken wir Kaffee, und ich bring das Buch mit!

      1. Liebe Romy,
        mir gefallen beide Lösungen! Ich werde es auf meine Wunschliste packen und auf jeden Fall mal einen Besuch nach Berlin planen. Seit gefühlten 2 Jahren versuchen wir es, dorthin zu fahren. Ich baue sehr auf nächstes Jahr! Werde mich sehr, sehr gerne melden. Kaffee mit Buch finde ich grandios. Und du weißt, das Gegenangebot steht auch: Kommst du mal nach Frankfurt oder die Umgebung, bitte auch unbedingt melden. Manchmal ist vieles möglich, so auch ein Treffen mit einer voll gestressten Frau wie mir. 😉
        Herzliche Grüße, monerl

  2. Wow, das klingt auch interessant! (Und nebenbei: deine Themen und Kategorien hier auf deinem Blog gefallen mir richtig gut!) Wie kommts dass du mal arabisch gelernt hat, hast du dort längere Zeit gelebt? Liebe Grüße!

    1. Salut! Dank dir! Nein, gelebt habe ich nie in einem arabischen Land, aber ich war vor 17 Jahren ein paar Wochen im Jemen, und ich habe mich auf diese Reise, die ein riesiger Traum von mir war, ein Jahr lang intensiv vorbereitet, viel über den Islam gelesen und Arabisch gelernt. Ich habe fast alles vergessen, aber meine Arabischkenntnisse aufzufrischen steht ziemlich weit oben auf meiner Agenda. Liebe Grüße!

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