Schlagwort-Archive: Erzählung

Der Sandmann. Graphic Novel nach E.T.A. Hoffmann von Vitali Konstantinov

„Mir kamen keine Worte in den Sinn, die nur im Mindesten etwas von dem Farbenglanz dieses inneren Bildes spiegelten. Vielleicht gelingt es mir aber, manche Gestalt so aufzufassen, dass du das Porträt ähnlich findest, ohne das Original zu kennen, ja dass es dir ist, als hättest du die Person recht oft schon selbst gesehen.Vielleicht wirst du, o mein Leser, dann glauben, dass nichts wunderlicher und verrückter sei als das wirkliche Leben und dass der Dichter dieses doch nur wie im dunklen Widerschein eines matten Spiegels auffassen kann.“ (Seite 12)

Nathanaels Kindheit wird bestimmt durch seine Furcht vor dem Advokaten Coppelius, der seinen Vater abends häufig besucht und mit diesem alchemistische Experimente durchführt. Als der Vater stirbt, gibt Nathanael Coppelius die Schuld, und später meint Nathanael, Coppelius in der Gestalt des Wetterglashändlers Coppola wiedergetroffen zu haben.

Immer weiter steigert sich Nathanael in seine Fantasien und in düstere Träume hinein, und schließlich verliebt er sich in Olimpia, die Tochter seines Professors, für die er seine Jugendliebe Clara verlässt.

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Am Abend vor dem Meer von Khaled Hosseini

„Ich wünschte, du hättest Homs so in Erinnerung wie ich.“

Khaled Hosseini, 1965 in Kabul geboren und selbst mit seiner Familie von Afghanistan in die USA geflohen, verarbeitet in seiner Erzählung Am Abend vor dem Meer seine eigene Geschichte von Flucht aus der Heimat und Neuanfang in einem fremden Land und ließ sich zudem von der Geschichte des dreijährigen Alan Kurdi inspirieren, der am 2. September 2015 bei der Flucht aus Syrien im Mittelmeer ertrank.

Hosseini lässt einen Vater erzählen, der einen Brief an seinen Sohn schreibt, in dem er ihm von einem märchenhaften Homs vorschwärmt, von einem Ort, an den sich sein Sohn nicht erinnern wird, da sich das Leben nach den Protesten und dem Ausbruch des Krieges in Syrien dramatisch geändert hat und das heutige Homs nichts mit dem Homs von vor 2012 zu tun hat. Am Abend vor dem Meer von Khaled Hosseini weiterlesen

Wölfe in der Nacht. 16 Geschichten aus Kuba von Ángel Santiesteban

<Aber ich schreibe weiter irgendwelche Wörter, um nicht zu weinen oder den Mund aufzutun, um nicht zu merken, wie schwach auch ich bin. Ich halte stand. Dabei fällt mir eine Anekdote ein, die ich mal gelesen habe, jemand hatte Mutter Teresa von Kalkutta gefragt:

„Wie lange muss man geben?“

„Bis es weh tut.“> (Seite 47)

Der kubanische Autor Ángel Santiesteban – einst vom kommunistischen Regime Kubas gefeiert und gefördert, dann der Selbstzensur unterworfen, schließlich verboten und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt – erzählt in Wölfe in der Nacht von Hunger, Polizeiwillkür, Bestechung, Denunziation, Militärdienst, Tod, Gefängnis, Einsamkeit, Geheimpolizei, Folter, Prostitution und Gewalt, aber auch von Kameradschaft, Beistand, Freundschaft, Liebe, Rückhalt, Mitgefühl und Menschlichkeit. Wölfe in der Nacht. 16 Geschichten aus Kuba von Ángel Santiesteban weiterlesen

Schlaf von Haruki Murakami

„Es ist der siebzehnte Tag ohne Schlaf.“ (Seite 5)

Die Ich-Erzählerin kennt Zeiten der Schlaflosigkeit, aber ihr aktuelles Nicht-schlafen-Können ist ganz anders als die Schlaflosigkeit, die sie früher plagte, die ihren Tag unaushaltbar machte, die sie belastete und sie in ihrem Alltag massiv einschränkte, da sie nie richtig wach und ausgeruht war.

Diesmal ist ihre Schlaflosigkeit ein Segen, denn die Ich-Erzählerin nutzt die neugewonnenen Stunden zum Lesen, wofür sie schon so lange keine Ruhe und keine Konzentration übrig hatte. Nun wird die alte Leidenschaft erneut entflammt, und die Ich-Erzählerin genießt die Nächte mit Romanen von Tolstoi und Dostojewski, fühlt sich vital, voller Energie und hellwach. Schlaf von Haruki Murakami weiterlesen

Unheimliche Geschichten von Edgar Allan Poe

„Mein Herz schlug so ruhig wie das eines Menschen, der den Schlummer der Unschuld schläft.“ (Seite 54)

Der Band Unheimliche Geschichten‘ beinhaltet „Das verräterische Herz“, „Der schwarze Kater“ und „Der Teufel im Glockenturm“ von Edgar Allan Poe, die von Fjodor Michailowitsch Dostojewski, einem großen Bewunderer Poes, ausgewählt und mit einem Nachwort versehen wurden.

Die Illustrationen stammen von Kat Menschik, deren Zeichnungen mich immer wieder aufs Neue faszinieren, denn obwohl ich schon viele der von ihr illustrierten Bücher kenne, gleicht keines dem anderen, sondern für jede einzelne Geschichte findet Menschik die perfekte Interpretation. Unheimliche Geschichten von Edgar Allan Poe weiterlesen

Die Bäckereiüberfälle von Haruki Murakami

„Wir hatten Hunger, so viel stand fest, und deshalb wollten wir Böses tun.“ (Seite 9f)

Zwei Kriminelle haben großen Hunger und beschließen, eine Bäckerei zu überfallen. Mit Messern bewaffnet laufen sie durch eine Geschäftsstraße und steuern eine Bäckerei an. Der Bäcker macht ihnen jedoch einen Strich durch die Rechnung, denn er bietet den beiden Männern, die anscheinend zu jeder Übeltat bereit sind, seine Backwaren einfach so, ohne Bezahlung und ohne die Notwendigkeit einer Gewalttat an. Den beiden Kriminellen gefällt das nicht, denn sie führen Böses im Schilde und insistieren, dass sie den Bäcker umlegen möchten.

Die drei Männer gehen schließlich einen Kompromiss ein: Die Gauner bekommen Brot, wenn sie sich Richard Wagners Tristan und Isolde anhören.

Wagner ändert das Leben des Ich-Erzählers, der einer der beiden Gauner ist. Er wird anständig und heiratet, doch Jahre später erzählt er seiner Frau vom Überfall, und sie ist der Meinung, dass ein Fluch auf ihm lastet, der gebrochen werden muss. Die Bäckereiüberfälle von Haruki Murakami weiterlesen

Die unheimliche Bibliothek von Haruki Murakami

„War all das wirklich geschehen? Ehrlich gesagt, ich wusste es nicht.“ (Seite 63)

Der Ich-Erzähler geht – wie viele Male zuvor – auf dem Nachhauseweg in eine Bibliothek. Dort fragt er die Bibliothekarin nach einem Buch über Methoden der Steuereintreibung im Osmanischen Reich und wird von ihr in den Keller der Bibliothek geschickt. Dort trifft er auf einen sonderbaren, alten Mann, der ihm drei uralt aussehende Bücher in die Hand drückt und betont, dass er die Bücher nicht ausleihen dürfe, sondern hier in der Bibliothek lesen müsse.

Der Alte führt den Ich-Erzähler durch ein Kellerlabyrinth und bringt ihn schließlich in ein Verlies, das der Junge erst wieder verlassen darf, wenn er die drei Bände auswendig aufsagen und in einem Monat eine schwierige Prüfung über den Inhalt erfolgreich absolvieren kann. Die unheimliche Bibliothek von Haruki Murakami weiterlesen

Birthday Girl von Haruki Murakami

„Was ich meine, ist […], dass ein Mensch, auch wenn ihm alle Wünsche erfüllt werden, nie mehr werden kann, als er ist.“ (Seite 59)

Da eine Kollegin krank geworden ist, muss die Protagonistin in Birthday Girl an ihrem 20. Geburtstag in einem Restaurant arbeiten. Als sich der Geschäftsführer des Restaurants plötzlich sehr unwohl fühlt und sich in ein Krankenhaus fahren lässt, muss die Protagonistin zudem dessen allabendliche Tätigkeit erledigen: einem besonderen Gast das Essen ins Zimmer bringen.

Der Gast bittet die Protagonistin um eine Unterhaltung und gewährt ihr schließlich anlässlich ihres Geburtstags einen Wunsch. Birthday Girl von Haruki Murakami weiterlesen

Geschenkideen für den Nachbarn, der endlich verstehen will, was Liebe ist

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Der Doppelgänger von Fjodor Michailowitsch Dostojewski (Hörbuch)

„Herr Goljadkin erkannte sofort seinen nächtlichen Freund. – Sein nächtlicher Freund aber war niemand anders als er selbst – ja: Herr Goljadkin selbst, ein anderer Herr Goljadkin und doch Herr Goljadkin selbst – mit einem Wort und in jeder Beziehung war er das, was man einen Doppelgänger nennt.“

Der Tag, an dem die Erzählung beginnt, startete für Herrn Jakow Petrowitsch Goljadkin, einen eher schüchternen Beamten in Petersburg, bereits auf ungewöhnliche Weise: Statt sich auf den Weg in sein Büro zu machen, fährt er zusammen mit seinem herausgeputzten Diener Petruschka in festlicher Kleidung zu seinem Arzt Krestian Iwanowitsch Rutenspitz. Goljadkin redet wirr, und der Arzt ist besorgt ob des Gesundheitszustands seines Patienten.

Goljadkins Tag wird immer sonderbarer, und schließlich gerät seine Welt vollends aus den Fugen, denn er trifft in seiner Wohnung auf seinen eigenen Doppelgänger. Dieser sieht genauso aus wie Goljadkin, aber in allem, was er tut, ist er besser als der echte Goljadkin, der in der Erzählung „der Held“ genannt wird. Der Doppelgänger von Fjodor Michailowitsch Dostojewski (Hörbuch) weiterlesen