
<Aber ich schreibe weiter irgendwelche Wörter, um nicht zu weinen oder den Mund aufzutun, um nicht zu merken, wie schwach auch ich bin. Ich halte stand. Dabei fällt mir eine Anekdote ein, die ich mal gelesen habe, jemand hatte Mutter Teresa von Kalkutta gefragt:
„Wie lange muss man geben?“
„Bis es weh tut.“> (Seite 47)
Der kubanische Autor Ángel Santiesteban – einst vom kommunistischen Regime Kubas gefeiert und gefördert, dann der Selbstzensur unterworfen, schließlich verboten und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt – erzählt in Wölfe in der Nacht von Hunger, Polizeiwillkür, Bestechung, Denunziation, Militärdienst, Tod, Gefängnis, Einsamkeit, Geheimpolizei, Folter, Prostitution und Gewalt, aber auch von Kameradschaft, Beistand, Freundschaft, Liebe, Rückhalt, Mitgefühl und Menschlichkeit.
In anspruchsvoller, aber schnörkelloser und klarer Sprache bietet Santiesteban Einblicke ins Leben und die politische Situation in Kuba, vermag es dabei, den Leser zu fesseln und zu bewegen, auch wenn seine bisweilen allzu detaillierten Beschreibungen oft schockieren und dazu führen, dass man sich bei den beschriebenen Grausamkeiten in den Gefängnissen, bei den geschilderten Verhöhnungen, Beleidigungen und Abwertungen angeekelt abwenden möchte.
Santiestebans Erzählungen, die aufgrund des Publikationsverbots in Kuba zu einem großen Teil auf Spanisch unveröffentlicht sind und mit Wölfe in der Nacht erstmals auf Deutsch erschienen, sind durchweg düster und unheilvoll. Santiesteban berichtet hier vom Leben und Überleben in Kuba, wobei er sowohl Alltagssituationen wie den tagtäglichen Hunger und die damit verbundene Verzweiflung der Menschen als auch Ausnahmesituationen wie Gefängnisaufenthalte thematisiert. Eines haben alle Erzählungen gemeinsam: Man liest hier nichts, was man normalerweise mit Kuba assoziiert, sondern erfährt von den dunklen Momenten, von Willkür und Brutalität.
Mich haben diese Geschichten aus literarischer Sicht sehr beeindruckt und emotional sehr aufgewühlt. Ich wünsche Wölfe in der Nacht viele Leser und hoffe, dass ich in Zukunft noch mehr von Santiesteban lesen darf, der seine Heimat Kuba trotz aller Widrigkeiten nicht verlassen hat und auch nicht verlassen möchte.
Ángel Santiesteban: Wölfe in der Nacht. 16 Geschichten aus Kuba. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. Mit einem Nachwort von Abilio Estévez. S. Fischer, 2017, 272 Seiten; 22 Euro.