Die unheimliche Bibliothek von Haruki Murakami

„War all das wirklich geschehen? Ehrlich gesagt, ich wusste es nicht.“ (Seite 63)

Der Ich-Erzähler geht – wie viele Male zuvor – auf dem Nachhauseweg in eine Bibliothek. Dort fragt er die Bibliothekarin nach einem Buch über Methoden der Steuereintreibung im Osmanischen Reich und wird von ihr in den Keller der Bibliothek geschickt. Dort trifft er auf einen sonderbaren, alten Mann, der ihm drei uralt aussehende Bücher in die Hand drückt und betont, dass er die Bücher nicht ausleihen dürfe, sondern hier in der Bibliothek lesen müsse.

Der Alte führt den Ich-Erzähler durch ein Kellerlabyrinth und bringt ihn schließlich in ein Verlies, das der Junge erst wieder verlassen darf, wenn er die drei Bände auswendig aufsagen und in einem Monat eine schwierige Prüfung über den Inhalt erfolgreich absolvieren kann.

Die unheimliche Bibliothek ist ein sehr schmaler Band von weniger als 70 Seiten, aber das Buch ist sowohl aufgrund der wundervollen Illustrationen als auch wegen der phantastischen Geschichte ein kleines Meisterwerk, das sich meiner Meinung nach auch gut für Einsteiger in die Welt des Haruki Murakami eignet.

Als Leser begegnet man hier einem Jungen, der von einer vollkommen alltäglichen Situation in eine wundersame Welt eintritt, was ein recht typischer Schachzug Murakamis ist, der dafür sorgt, dass man sich anfangs gut in die Geschichte eindenken und einfühlen kann, im Verlauf jedoch immer ratloser wird und bald nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann.

Die Erzählung ist – auch typisch für Murakami – in klarer, schnörkelloser Sprache geschrieben und lässt sich schnell lesen, obwohl man sich mit dem Inhalt und der Bedeutung der einzelnen Elemente noch tagelang auseinandersetzen kann.

Die Illustrationen von Kat Menschik sind in diesem Band in Grau, Weiß, Khaki und Schwarz gehalten, bisweilen setzt Menschik aber auch Akzente in anderen Farben, z.B. rote Lippen bei einem ansonsten fast monochromen Bild. Alles in allem sind die Illustrationen hier sehr düster und unheimlich, passen dadurch perfekt zum Titel und zur Geschichte.

Die unheimliche Bibliothek lässt die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Einbildung/Traum verschwimmen oder gar verschwinden und macht Lust auf mehr Murakami.

Haruki Murakami und Kat Menschik: Die unheimliche Bibliothek. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Mit Illustrationen von Kat Menschik. DuMont Buchverlag, 2014, 63 Seiten; 9,99 Euro.

Dieser Post ist Teil des Japan-Themas im April 2018.

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