„Eine außerirdische Zivilisation würde sich das Ganze wahrscheinlich anschauen und fragen: Was machen die hier? Warum fahren die immer nur im Kreis?“ (Seite 10)
Sechs Personen befinden sich in einem Raumschiff – zwei Frauen und vier Männer. Sie kommen aus Amerika, aus Japan, aus Großbritannien, aus Italien und Russland, sind unterwegs mit 28.000 Kilometern pro Stunde und sind insgesamt neun Monate im All.
Während sie die Erde immer wieder umkreisen, erfahren wir von ihrem Leben, ihren Träumen und Krisen, von Sehnsüchten und Problemen. Und wir lesen davon, wie der Mensch seine Lebensgrundlage zerstört und nichts aus seinen Fehlern lernt.
Martha E. ist eine alte Dame, die schäbig gekleidet ist und einen verwirrten Eindruck macht, anscheinend aber gar nicht so arm ist, wie sie mit ihrer Erscheinung wirkt.
Im Berliner Viertel, in dem sie lebt, wird gemunkelt, sie sei gar eine Millionärin, besitze ein ganzes Wohnhaus, das ihr von ihrer Affäre, einem Nazi, geschenkt worden sei, damit sie Stillschweigen über ihre Liebelei bewahre.
Shelly Kupferberg erzählt die Geschichte von Martha, die sich 1925 nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Konturistin auf eine Stelle als Hausbesorgerin in einem Schöneberger Mietshaus bewirbt. Es handelt sich um das Haus der Brüder Henry und Ber Berkowitz, die eine zuverlässige Person suchen, die sich um Mieteinnahmen und Ordnung im Haus kümmert.
„In einer Sprache, die leuchtet, kratzt und singt, gleitet dieses schillernde Debüt durch Erinnerung und Identität und schenkt dem Entwurzelten eine poetische Heimat.“ (Klappentext, Zitat von Samira el Ouassil)
Salomé Abergel, eine jüdisch-marokkanische Künstlerin, lebt in Amsterdam.
Doch die Geschichte in Oroppa beginnt damit, dass Salomé nur noch um die 40 Kilogramm wiegt, an einer Lungenentzündung erkrankt ist und im Sterben liegt.
Gegen alle Prognosen erholt sich Salomé wieder, und der Roman erzählt schließlich von Salomé, von ihrem sozialen Umfeld und vom Leben in Städten wie Paris, Tunis und Casablanca.
„Die kurze Rundfahrt, auf Naders Vorschlag hin unternommen und von David begrüßt, hatte ihn nicht ins Herz Teherans, sondern ins Innere des Landes Iran geführt.“ (Seite 17)
David und der Iraner Nader treffen sich bei einer Lesung, freunden sich an. Vierzehn Monate später erfüllt sich David, der fasziniert ist vom persischen Dichter Omar Khayyam, einen großen Traum, reist in den Iran, besucht Nader in seiner Heimat Teheran. Dort lernt David auch die Verlobte von Nader kennen, Nastaran.
„Zu den Freuden der Macht gehörte auch, willkürlich bestrafen, schikanieren und vertreiben zu können.“ (Seite 10)
Die 17-jährige Raya wurde blitzschnell verheiratet, als ihr Vater herausgefunden hatte, dass ein junger Mann ihr nachstellte. Rayas Onkel Hafidh und Rayas Vater wählen als Ehemann Bakari Abbas, einen (anscheinend) freundlichen Mann, der fast drei Mal so alt wie Raya ist. Der herrische Vater bringt Raya dazu, der Ehe zuzustimmen, obwohl sie von Anfang an große Bedenken hat.
Die Ehe ist geprägt von Streit, Grausamkeiten, Verachtung und Todesangst. Und als der aus der Ehe hervorgehende Sohn Karim drei Jahre alt ist, verlässt Raya ihren Ehemann und zieht zurück zu ihren Eltern.
Alma erzählt die Geschichte ihrer Familie über ein ganzes Jahrhundert hinweg. Sie beginnt ihren Bericht mit ihrer Urgroßmutter Henrike, die auf einem Bauernhof an der Nordsee geboren wurde. Ihr erstgeborener Sohn Benedikt kam schlafend zur Welt, erwachte erst 15 Jahre später, um dann nie wieder zu schlafen.
Das zweite Kind Henrikes war die von der Mutter ungeliebte Tochter Hilde, und so begleitet der Leser/Hörer die Familie und ihre Geschichte über die Zeit hinweg.
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten ist ein kurzer Roman, der jedoch dicht geschrieben ist, voller besonderer Geschichten und Beobachtungen steckt und in anspruchsvoller Sprache niedergeschrieben wurde.
Das Ganze ist märchenhaft und doch aus dem Leben gegriffen, magisch-realistische Elemente ziehen sich durch das gesamte Buch, zum Beispiel der stets schlafende und später nie schlafende Benedikt, Gemüse, das mit der Zeit weiß wird, oder eine Frau, die Wurzeln treibt.
Ich empfand das Buch, das von Julia Franz Richter eindringlich eingelesen wurde und sehr stimmungsvoll ist, als sehr bewegend und als fesselnd erzählt. Beim Hören spürt man regelrecht die Seeluft, lauscht den magisch-realistischen Sc das sie von sich gibt.
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten ist ein ganz wundervolles Debüt, das zu meinen Lieblingsbüchern 2025 gehört, auch wenn – oder gerade weil – einige Stellen extrem abstoßend sind, zum Beispiel wenn es um das Schlachten geht oder das Herstellen von Würsten.
Anna Maschik: Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten. Ungekürzte Lesung von Julia Franz Richter. der Hörverlag, 2025; 12,95 Euro.
„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“ (Zitat von Dschalāl ad-Dīn Rūmī, Seite 5)
Le Case ist ein Bergdorf in der italienischen Region Maremma. Hier leben zahlreiche wunderliche Charaktere, über die in der Geschichte erzählt wird.
Da ist zum Beispiel Filippo Nencioni, der bekannt ist als Dorfdepp, aber eigentlich ein recht gewiefter Kerl ist, den alle unterschätzen und der sich einiges herausnehmen kann, gerade weil ihn alle unterschätzen. Vorgestellt werden auch Tonino Manenti, dessen Vater ein leidenschaftlicher Schachspieler war, und Niccodemo Tempesti, der verstört aus dem Krieg zurückkehrte.
Zudem wird die Geschichte von Samuele erzählt, der aus dem Dorf wegging, doch eines Tages zurückkehrt.
„Ich bin in einer Sphäre, die ich nie hätte betreten sollen.“ (Seite 13)
Kenji Yamamine hat seine japanische Heimat verlassen und versteckt sich in Deutschland. Zuvor hat er eine legendäre Trompete in seinen Besitz gebracht, die sogenannte Teufelstrompete des Komponisten Suzuki, die „während des Zweiten Weltkriegs ein Manöver der japanischen Armee auf dramatische Weise zum Erfolg geführt hat“ (Seite 8).
Im Roman erfahren wir, dass Kenji auf die Philippinen reiste, wo die Trompete von Kindern gefunden wurde, dass er als Journalist die Kinder interviewte und dabei Anh kennenlernte. Anh folgt ihm schließlich nach Japan, die beiden verlieben sich ineinander, bevor Anh während einer Demonstration stirbt.
Während Kenji um Anh trauert, wird er von einer Sekte verfolgt, die die Trompete in ihre Gewalt bekommen und nutzen möchte.
„Es war der einzige einsame Platz, an dem sie sich nicht einsam fühlen konnte.“ (Seite 19)
Wie in den Jahren zuvor kommt die 46-jährige Ana Magdalena Bach am 16. August mit der 3-Uhr-Fähre auf eine Karibikinsel, um am Grab ihrer Mutter Gladiolen abzulegen.
Doch dieses Jahr passiert etwas Neues: Sie lernt in der Hotelbar einen Mann kennen und verbringt die Nacht mit ihm. Während sie schläft, verschwindet der Mann und hinterlässt einen 20-Dollar-Schein in ihrem Buch.
Ana Magdalena Bach kehrt zurück zu ihrem Mann und in ihr alltägliches Leben, doch die Nacht mit dem Fremden hat sie verändert, und als sie im darauffolgenden Jahr wieder zur Insel reist, möchte sie nicht nur Blumen zum Grab ihrer Mutter bringen.
„Die Anekdote über seine mobile Bibliothek zeigt das obsessive Ausmaß, das Bowies Leseverhalten zu jener Zeit annahm, als er sein Ziel erreicht hatte und weltberühmt war.“ (Seite 13)
Ich mag die Musik von David Bowie, und ich liebe Bücher, so dass dieses Buch für mich eine perfekte Mischung ist, auch wenn Bowies Bücher trotzdem mehrere Jahre ungelesen in meinem Regal stand.
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