Beschreibung einer Krabbenwanderung von Karosh Taha

„Er erzählte mir vom Krabbenvolk, das eines Tages beschloss, auszuwandern, und sie vergaßen in einer Höhle die kleinste Krabbe, weil diese geschlafen hatte. Als sie aufwachte, waren all ihre Freunde und Verwandten weg, sogar die Eltern, die Geschwisterchen, und die kleine Krabbe bewohnte seitdem allein den riesigen Strand. Sie irrte also im Chabur umher und kniff jedem in die Wade, der ihr zu nahe kam.“ (Seite 13)

Die 22-jährige Sanaa ist im Irak aufgewachsen, aber lebt nun mit ihren Eltern, ihrer Schwester Helin und weiteren Verwandten in Deutschland.

Sanaa fühlt sich verantwortlich für ihre Familie und macht sich Sorgen um ihre depressive Mutter Asija, die nur zu Hause sitzt, nicht mehr kocht und sich für nichts interessiert, um ihren Vater Nasser, der sich anscheinend mit einer anderen Frau trifft, die wie eine Prostituierte aussieht, um Halin, die orientierungslos und ohne Ambitionen für die Zukunft ist. Auch die ständige Überwachung durch ihre Tante Khalida, die im selben Haus wohnt, zehrt an Sanaas Nerven.

Sanaa versucht, der Enge der elterlichen Wohnung zu entfliehen, studiert, hat eine heimliche Beziehung mit Adnan und eine Affäre mit Omer, doch sie ist stets hin- und hergerissen zwischen ihren Bedürfnissen und ihrem Verantwortungsgefühl, zwischen der kurdischen und der deutschen Kultur.

Beschreibung einer Krabbenwanderung ist der Debütroman von Karosh Taha, die im Nordirak geboren wurde und als Kind nach Deutschland gekommen ist.

Mir ist der Einstieg ins Buch verhältnismäßig schwer gefallen, da der Schreibstil eher ungewöhnlich ist und die Geschichte anfangs recht geheimnisvoll und undurchschaubar war. Im weiteren Verlauf habe ich zwar deutlich mehr Zugang zu Tahas Roman gefunden, aber der Funke ist trotz allem nicht ganz übergesprungen.

Die Sprache Tahas ist anspruchsvoll, bisweilen aber auch vulgär, wirkt jedoch stets passend für die unterschiedlichen Szenerien und Beschreibungen.

Neben der Sorge Sanaas um ihre Familie und den Geheimnissen aus der Vergangenheit der Eltern ziehen sich sowohl die Episoden mit der Krabbenwanderung und einem Krabbenbiss als auch kurdischer Aberglaube an neveshti – Zettel mit arabischen Sprüchen, die von islamischen Geistlichen angefertigt werden und als Talisman gelten – durch das gesamte Buch.

Die Protagonisten sind echte Unikate, wirken eher skurril und wurden lebendig gezeichnet. Trotzdem bin ich mit ihnen nicht ganz warm geworden, so wie der gesamte Roman eher distanziert auf mich wirkte.

Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung. DuMont Buchverlag, 2018, 250 Seiten; 22 Euro.

2 Gedanken zu „Beschreibung einer Krabbenwanderung von Karosh Taha“

  1. Moin! Mir erging es anders, denn gerade die Figuren haben mich begeistert. Am Ende merkte ich, wie wohl ich mich in der Geschichte und ihren Menschen gefühlt hatte. Für mich ein „Leseschatz“.
    Herzliche Grüße!

    1. Salut Hauke, danke für deinen Kommentar. Ich finde es immer wieder spannend, wie man sich in Figuren wiederfinden kann und wie andere Leser zur selben Geschichte schlechter Zugang finden. Meiner Meinung nach ist das oft auch davon abhängig, wann man eine bestimmte Geschichte liest, was einem gerade so im Kopf rumgeht, in welcher Lebenssituation man sich befindet. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich Tahas Roman eines Tages nochmal lese, und vielleicht finde ich dann besser Zugang. Unterm Strich fand ich es aber auch ein gutes Buch, nur eben kein Highlight für mich…

      Liebe Grüße und einen schönen Tag,
      Romy

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