Die Entflohene von Violaine Huisman

„Die Kehrseite ihrer Tobsuchtsanfälle war nicht Zurückhaltung, sondern Verehrung. Wir liebten sie über alles […].“ (Seite 14)

Wutanfälle und Beschimpfungen. Vernachlässigung und Gewalt. Alkoholmissbrauch und Medikamentencocktails. Zerbrechen von Beziehungen zum Vater und anderen Bezugspersonen. Emotionale Distanzierung und große Verzweiflung. Zwangseinweisung und Risikoverhalten.

Das ist die tägliche Lebens- und Erlebenswelt der Ich-Erzählerin in Violaine Huismans Roman Die Entflohene, in dem die Autorin von ihrer eigenen Kindheit mit ihrer Mutter mit bipolarer Störung erzählt.

Huisman berichtet aber nicht nur von den Tiefen und Abgründen dieser Beziehung, sondern auch von emotionaler Wärme und unbändiger Liebe:

„Diese wahnsinnige Liebe, diese unerträgliche Zuneigung, die zwei Knirspe mit ihren Nervereien, egal in welchem Alter, verkörperten, diese Liebe, die nicht aufhörte, nicht aufhören konnte, die alles überlebte, heller loderte als alles und alles verzieh, diese Liebe, die sie, wenn wir gerade keine kleinen dummen Rotznasen waren oder Kröten oder Hexen, dazu brachte, uns meine geliebten Schätze, die ich wie verrückt liebhabe, zu nennen – diese Liebe brauchte sie zum Leben, so gut sie es eben konnte.“ (Seite 14)

Ich empfand Die Entflohene als eindrucksvoll beobachtet und unglaublich eindringlich erzählten Roman, der dem Leser überzeugend vermittelt, wie das Leben der Autorin und ihrer Schwester mit der psychisch erkrankten Mutter aussah, welchen Extremen die Kinder ausgesetzt waren, dass ihre Erinnerungen aber dennoch liebevoll und warm sind, dass der Roman nicht düster wirkt, sondern ein hochemotionales Thema in großer Komplexität behandelt und eine bipolare Störung erleb- und einfühlbar macht.

Dabei erzählt Huisman im ersten Teil des Buches von ihrer eigenen Kindheit, im zweiten Teil vom Leben ihrer Mutter, deren Kindheit und Jugend, wichtigen Männern und Frauen in ihrem Leben, ihren Schwangerschaften und dem Leben als Mutter, ihren Erfolgen und Misserfolgen, ihrer Zerrissenheit zwischen Freiheit und Gebundensein, ihrer Manie und ihrer Depression. Der dritte Teil befasst sich mit dem Leben der beiden Schwestern als Erwachsene.

Durch die Endlossätze ist der Roman alles andere als leicht lesbar, und auch aus inhaltlicher Sicht braucht man beim Lesen immer wieder eine Pause, um das Gelesene sacken zu lassen. Der eher weitschweifige Erzählstil ist bisweilen geradezu anstrengend, aber letztendlich unverzichtbar, um die Beziehungsdynamik zwischen den einzelnen Figuren verstehen und nachvollziehen zu können.

Mich hat der Roman (inhaltlich, nicht stilistisch) oft an Das Lächeln meiner Mutter von Delphine de Vigan erinnert, das ich auch sehr empfehlen kann.

„Was hält man von einem Leben fest? Wie kann man es erzählen? Und was davon? Hat ein Leben über Geburt oder Schöpfung hinaus überhaupt eine Bedeutung? Welches Leben ist es wert, bewahrt zu werden? An wen erinnern wir uns? An wen werden wir uns erinnern?“ (Seite 193f)

Violaine Huisman: Die Entflohene. Aus dem Französischen von Eva Scharenberg. S. Fischer, 2019, 256 Seiten; 22 Euro.

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