Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

„Wenn eine ganze Welt, die man nicht kennt, auf einen einstürzt, wo fängt man dann an mit dem Sortieren?“ (Seite 63)

Richard ist seit mehreren Jahren verwitwet und seit Kurzem emeritiert. Er hat Freunde und Interessen, aber auch viel Zeit, die er versucht zu füllen. Da wird er auf einen Hungerstreik mehrere Afrikaner aufmerksam, die aus ihrer Heimat geflohen sind, in Deutschland Asyl beantragen und hier arbeiten wollen.

Das Thema „Asyl“ lässt Richard nicht mehr los, und schließlich geht er zu einem Treffen in einer besetzten Kreuzberger Schule und danach in die Unterkünfte der afrikanischen Flüchtlinge. Er bietet ihnen Hilfe und Unterstützung an, und nach und nach zeigen sich zwischen Richard und diesen Menschen, die auf den ersten Blick nichts mit ihm gemein haben, mehr und mehr Parallelen und Ähnlichkeiten, z.B. ein großes Interesse für Musik oder die viele Zeit, die sie alle zur Genüge zur Verfügung haben und die sie versuchen, mit einer sinnvollen Tätigkeit zu füllen.

Mir hat Gehen, ging, gegangen, das ich schon lange lesen wollte, gut gefallen, obwohl der Funke bei mir nicht ganz übergesprungen ist.

Die Charakterisierung der Protagonisten und die Beschreibung der Orte haben mir gut gefallen, zumal mir einige der Berliner Schauplätze bekannt sind, so dass diese Schilderungen sehr zur Authentizität des Romans beigetragen und Spannung aufgebaut haben.

Gefallen hat mir der Prozess des Verstehens und Mitfühlens, den Richard durchläuft und den damit auch der Leser begleitet: seine immer intensivere Beschäftigung mit Gegebenheiten in den Herkunftsländern der Geflüchteten, mit den Fluchtwegen und Fluchtgründen, mit dem Asylrecht und den Steinen, die Asylsuchenden von Gesetzesseite in den Weg gelegt werden.

Nicht ganz gefesselt hat mich das Buch möglicherweise, weil ich Jenny Erpenbecks Schreibstil bisweilen recht sperrig fand, obwohl mich das Ende doch sehr bewegt hat und man im Buch auch viele weise Gedanken findet, die ins Schwarze treffen, z.B:

„Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen.“ (Seite 85).

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. Penguin Verlag, 2017, 347 Seiten; 10 Euro.

2 Gedanken zu „Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck“

  1. Das Buch wartet noch auf meinem SuB. Eigentlich wollte ich es vor zwei Jahren schon gelesen haben… Mal sehen, ob es mich mehr überzeugen kann, auch wenn es dir ja schon recht gut gefallen hat.
    GlG, monerl

    1. Jetzt musste ich glatt nochmal in meiner eigenen Besprechung checken, wie ich das Buch fand. Das ist immer recht erhellend, finde ich, weil es eindeutig zeigt, welche Bücher einen wirklich bepackt haben und welche nicht. Erpenbeck hat keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, habe ich eben bemerkt… Bin gespannt, was du dazu sagst!

      Liebe Grüße,
      Romy

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