Wir sind dann wohl die Angehörigen von Johann Scheerer

„Wie fühlt es sich an, wenn man nichts fühlt?“

Im Rahmen meines Psychologie-Studiums habe ich vor vielen Jahren ein Seminar zum Thema Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) belegt und dort ein Referat über „PTBS nach Folter und politischer Gewalt“ gehalten. Der Professor hatte mir damals zur Vorbereitung u.a. Im Keller von Jan-Philipp Reemtsma ans Herz gelegt, und ich kann mich noch gut erinnern, wie stark mich das Buch beschäftigt hat und dass ich mir viele Sätze angestrichen habe, die ich heute noch auswendig kenne.

Fünfzehn Jahre später habe ich das Buch von Reemtsmas Sohn Johann Scheerer in den Händen gehalten und war gespannt, was der Sohn von der Entführung seines Vaters erzählt, welche Gedanken und Gefühle er mit dem Leser teilt.

Scheerer erzählt in seinem Buch Wir sind dann wohl die Angehörigen nicht nur von der Entführung seines Vaters am 25. März 1996, von den schweren Stunden und Tagen, als Scheerer und seine Mutter kaum zu hoffen wagten, dass Reemtsma überleben wird, sondern er bietet dem Leser auch Einblicke in seine Kindheit, seine Familie und ins Leben mit seinem Vater.

Scheerer beschreibt dabei glaubhaft und anschaulich die Gefühle von Dissoziation, die er in den ersten Tagen erlebt hat, berichtet von widersprüchlichen Gefühlen der Erleichterung (weil er eine gefürchtete Latein-Arbeit nicht mitschreiben musste), der Scham aufgrund dieser Erleichterung, der Angst und von der Gewissheit, dass sein Vater gefoltert und getötet werden wird oder vielleicht schon tot ist.

Scheerer schreibt in anspruchsvoller Sprache, und seine minutiösen Beschreibungen der Abläufe, der Gefühle und Gedanken sorgen für eine gespenstische Lektüre, die einem die Angst, die Anspannung und die Befürchtungen der 33 Tage währenden Entführung extrem nahebringen.

Auch die Schilderungen der Befreiung Reemtsmas, der Zeit nach der Entführung und der Auswirkungen auf die Familie sowie auf das Verhältnis der Familienmitglieder zur Außenwelt wurden emotional bewegend und authentisch wiedergegeben. Insgesamt finde ich es erstaunlich, wie detailliert Scheerers Erinnerungen an die Geschehnisse von vor 22 Jahren sind, wie lebendig er von den Ereignissen schreibt, und wie elaboriert sein Auseinandersetzen mit der Thematik ist.

Wir sind dann wohl die Angehörigen hat mich sehr beeindruckt und berührt, erzählt die Geschichte der Entführung Reemtsmas aus anderer Perspektive und ist genauso brilliant erzählt wie Im Keller von Reemtsma selbst.

„Alles ist, wie es war, nur paßt es mit mir nicht mehr zusammen. Als trüge ich eine Brille, die alles einen halben Zentimeter nach links oder rechts verschiebt. Ich kann nichts mehr greifen, der Tritt faßt die Stufe nicht mehr. Oder als seien die Oberflächen der Dinge leicht gebogen, als würde nichts mehr Halt finden, das ich hinstellen möchte. Welt und ich passen nicht mehr.“ (Jan-Philipp Reemtsma: Im Keller, Rowohlt 2002, Seite 220f)

Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen. Die Geschichte einer Entführung. Piper, 2018, 240 Seiten; 18,99 Euro (Kindle Edition) bzw. 20 Euro (gebundenes Buch).

Dieser Post ist Teil des True Crime-Monatsthemas im Dezember 2019.

4 Gedanken zu „Wir sind dann wohl die Angehörigen von Johann Scheerer“

  1. Sehr schön, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat wie mir! Ich habe es sehr gerne gelesen, da ich damals viel von der Entführung gehört hatte. Das war alles wieder präsent. Das Buch des Vaters hatte ich mal auf meine WuLi geschoben. Seine Sicht auf die Entführung hätte ich auch gern gehört. Nun kann ich deine Rezi ja bei mir verlinken. 😉

    GlG, monerl

    1. Ja, das Buch von Reemtsma selbst hat es mir sehr angetan, und ich verwende Passagen daraus immer wieder, wenn ich Leuten Intrusionen bei Posttraumatischer Belastungstörung erklären und näherbringen will. Dass das Buch vom Sohn genauso beeindruckend ist, hat mich sehr gefreut, denn oft gehen solche Vorhaben, eine Geschichte aus anderer Perpektive nochmal zu erzählen, ja nicht ganz auf und wirken dann eher bemüht und kopiert. Hier ist das ganz anders.

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