Heimkehren von Yaa Gyasi

„Alle haben mitgemacht. Wir waren alle verantwortlich … sind es noch.“

In Heimkehren erzählt die ghanaisch-US-amerikanische Autorin Yaa Gyasi die Geschichte von zwei Halbschwestern, die Mitte des 18. Jahrhunderts in Ghana aufwachsen, und von ihren nachfolgenden Generationen, deren Wege bis ins Ghana und die USA der Gegenwart führen.

Der Roman, dessen Kapitel stets mit dem Namen einer Person der chronologisch erzählten Familiengeschichte betitelt sind, beginnt mit Effia Otcher. Sie erlebt in ihrer Jugend, wie weiße Männer in ihr Dorf kommen, um Mädchen zu kaufen, und als der Weiße James Collins um ihre Hand anhält, nehmen Effias Eltern das verlockende Angebot an, obwohl Effia bereits dem Häuptling Abeeku versprochen ist. Effia lebt mit James, der weit entfernt eine weiße Ehefrau und zwei Kinder hat, in der Festung von Cape Coast. James handelt mit Sklaven, die in einem Verlies eingepfercht auf ihre Verschiffung in die Neue Welt und eine Reise ins Ungewisse warten, und er ist durch den Sklavenhandel reich geworden, so dass auch Effia ein angenehmes Leben in Wohlstand und mit vielen Vorteilen vergönnt ist.

Festung von Cape Coast, Ghana (Quelle: hiroo yamagata, Flickr)
Festung von Cape Coast, Ghana (Quelle: David Stanley, Flickr)

Effias Halbschwester Esi, die im zweiten Kapitel vorgestellt wird, lebt seit zwei Wochen im Frauenverlies der Festung von Cape Coast. Ihr Dorf wurde von einem verfeindeten Stamm überfallen, sie wird gefangengenommen, in die Sklaverei verkauft und tritt bald die Reise nach Nordamerika an. Sie hat alles verloren, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hat, und sie hat keine Hoffnung mehr:

„Vor der Festung war sie die Tochter des Großen Mannes und seiner dritten Frau Maame gewesen. Jetzt war sie Staub. Vor der Festung war sie das hübscheste Mädchen des Dorfes gewesen. Jetzt war sie nichts.“

Eingang zum Männerverlies, Festung von Cape Coast, Ghana (Quelle: Andrew Moore , Flickr)

Ausgang zu den Sklavenschiffen, Festung von Cape Coast, Ghana (Quelle: David Stanley, Flickr)

Ausblick aus der Festung von Cape Coast, Ghana (Quelle: Andrew Moore, Flickr)

Aufbauend auf diese beiden Kapitel erzählt Gyasi vom Schicksal der Kinder, Kindeskinder etc. von Effia und Esi, und so begleitet der Leser die Protagonisten durch die Geschichte des Sklavenhandels, des Endes der Sklaverei, der Unabhängigkeit Ghanas – und des nach wie vor herrschenden Rassismus, der Benachteiligung von Schwarzen und der noch immer erfahrenen Ungerechtigkeit, die auch nach dem offiziellen Ende der Sklaverei ungebrochen und unverändert besteht.

Von der ersten Seite an ist Heimkehren stimmungsvoll und berührend, und die Schilderungen des Lebens in Effias Dorf und in der Festung sind unheilvoll und düster, werden jedoch immer wieder von Hoffnung und Freude durchbrochen, vom Willen zu überleben und glücklich zu werden. Mich hat Gyasis Fähigkeit, diese oft bedrückende Geschichte zu erzählen und dennoch immer wieder positive Impulse zu vermitteln, beeindruckt, vor allem wenn man sich vor Augen führt, dass eine 26-Jährige diesen weisen und reflektierten Roman geschrieben hat.

Durch die genauen Beschreibungen, die durch die expliziten Schilderungen von Gewalt und Elend bisweilen kaum aushaltbar sind, bringt Gyasi dem Leser nahe, was Sklaverei für das Individuum bedeutet, und macht ein abstraktes Wort zu einer konkreten Erfahrung, der man sich als Leser oft entziehen will, doch nicht entziehen kann.

Sprachlich ist das Buch klar und schnörkellos gehalten, und die Geschichten der beiden Halbschwestern und ihrer Nachkommen werden auf sehr geradlinige und strukturierte Weise erzählt – hier ist kein Wort zu viel und keine Seite langatmig.

Sehr beeindruckt haben mich auch die klugen Worte Gyasis zum Thema Sklaverei, die man in einem Interview mit Kate Kellaway (The Guardian, 8. Januar 2017) nachlesen kann, und Gyasis Gedanken zur Wahl Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA :

„Jeder würde gerne glauben, dass er ein Fluchthelfer für Schwarze aus den Südstaaten gewesen wäre oder eine jüdische Familie auf seinem Dachboden versteckt hätte. Keiner will glauben, dass er selbst der Sklavenbesitzer hätte sein können; oder einer in der Menge, die sich versammelte, um Lynchmorden zuzuschauen; oder dass er einfach derjenige hätte sein können, der zu so etwas zwar nicht hingeht, aber auch nichts tut, um das Ganze zu verhindern. Es ist einfach, zu erkennen, weshalb der Sklavenbesitzer schlecht ist. Schon schwieriger ist es, zu verstehen, warum die Menschenmenge es ist. Bahnbrechend wäre es, wenn wir erkennen würden, dass wir eben jener Mensch sind, der tatenlos zusieht. Wir tun nichts, oder nur sehr wenig, um uns mit dem Verfall in unseren eigenen Häusern zu befassen.“
(Yaa Gyasi: Why the next four years will be a test for all of us. In: The Guardian, 20. Januar 2017)

Heimkehren ist kein schönes, aber ein wichtiges und berührendes Buch, das von Ausbeutung, Skrupellosigkeit und Entmenschlichung erzählt und das den Leser mitnimmt in die Zeiten des Sklavenhandels und der Sklaverei und an die Orte des Rassenhasses.

Yaa Gyasi: Heimkehren. Aus dem Englischen von Anette Grube. DuMont Buchverlag, 2017, 413 Seiten; 22 Euro.

Eine weitere Rezension findet ihr bei literaturreich.

Dieser Post ist Teil des Afrika-Monatsthemas (Länder A bis L) im April 2019 (Ghana).

2 Gedanken zu „Heimkehren von Yaa Gyasi“

  1. Glück und Unglück liegen in dieser Geschichte so nah beieinander, dass es mich zu Tränen gerührt hat!
    Zwischen all dem Leid der Versklavung der Schwarzen, dem Schmerz der Trennung vom Geliebten oder vom Kind, dem Hass und der Unsicherheit, fand ich es schön, dass auch immer wieder ein Funken Hoffnung, Liebe und Zuneigung auftauchen. Das war Balsam für die Seele, die vorher so viel Brutalität und Schmerz durchlebt hat.

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