
„In Neapel gibt es eine Passage, halb Bahnhofshalle und Kathedrale, die Galleria Umberto Primo genannt wird. Man glaubt, in einem Museum zu sein, bis man die Bars und Geschäfte entdeckt. Früher besaß diese Passage eine große gewölbte Glasdecke, doch die Bomben, die auf Neapel fielen, zertrümmerten die Lichtkuppel, Scherben klirrten auf den Marmorboden wie grausamer Schnee. Aber das Leben in der Galleria ging weiter.“ (Seite 9)
John Horne Burns erzählt anhand von verschiedenen Personen und deren Geschichten von der Stadt Napoli und der halb zerstörten Galleria Umberto – wobei die Stadt und die Galleria die eigentlichen Hauptakteure des Romans sind.
Burns berichtet vom Leben in der Stadt im August 1944, erzählt zum Beispiel vom 27-jährigen Michael Patrick, der an seinem letzten Abend in Napoli in die Oper gehen möchte und sich nach einer Frau sehnt, bevor er wieder in die Schlacht zurückkehrt.
Er berichtet zudem von Louella, die sich als Freiwillige beim Roten Kreuz gemeldet hat, und von Giulia, die darunter leidet, wie der moralische Verfall der Menschen in Napoli auch vor ihrer eigenen Familie und ihren Freunden nicht Halt macht.
Ich stand im April 2025 selbst in der Galleria Umberto, und schon allein aus diesem Grund hat dieser Roman, der bereits 1947 erschienen ist, von Anfang an mein Interesse geweckt.



Auch mein allererster Eindruck war ein extrem positiver, denn dieses Buch ist einfach wunderschön aufgemacht, wie gewohnt von Die Andere Bibliothek. Der Roman kommt im Schuber, ist auf edlem Papier gedruckt, hat ein Lesebändchen. Im Buch sind zudem Fotos enthalten, und auch der Schriftsatz ist ganz besonders und einfach wunderschön.
Die Lektüre empfand ich anfangs jedoch als nicht ganz so zugänglich. Hier finden sich viele französische und italienische Sätze und Dialoge, was es mir nicht ganz einfach gemacht hat, weil ich beide Sprachen einfach nicht gut genug spreche.
Im Buch bin ich wunderbar charakterisierten Figuren begegnet – und trotzdem ist lange der Funke nicht ganz übergesprungen.
Durchhalten lohnt sich aber, denn spätestens mit der Geschichte von Giulia hat mich dieser Anti-Kriegsroman voller kluger Gedanken, atmosphärischer Beschreibungen, voller Liebe für Napoli und voller Abscheu für den Krieg voll und ganz in Beschlag genommen.
„Der einzige Fortschritt, den die Menschheit gemacht hat, ist die Entdeckung des Mitgefühls. Irgendjemandem ist mal aufgefallen, dass die anderen eigentlich genauso sind wie er selbst. Die Unterschiede sind kaum der Rede wert. Jeder stirbt für sich allein. Das Sterben beginnt schon mit der Geburt. Im Rückblick, in tausend Jahren, werden wir alle gleich albern aussehen: der Filmstar, die arabische Hure, der Bankier und der Gauner… Wenn wir nur zu Lebzeiten schon einsehen könnten, wie naiv und dumm wir sind, könnten wir das bisschen Würde, das wir trotzdem noch haben, zusammenlegen. Dann wäre das Leben für alle lebenswert, nicht nur für die wenigen.“ (Seite 227)
John Horne Burns: Galleria Umberto (Die Andere Bibliothek, Band 491). Gestaltung von Jana Meier-Roberts. Übersetzung von Gregor Hens. Die Andere Bibliothek, 2026, 492 Seiten; 48 Euro.