Überleben von Frederika Amalia Finkelstein

„[D]as wirklich Irrationale und tatsächlich Unerklärbare ist nicht das Böse, im Gegenteil: es ist das Gute.“ (Seite 7, Zitat von Imre Kertész)

Seit die 25-Jährige Ava ein Foto von Leichen im Bataclan gesehen hat, spürt sie Hass und hat einen wiederkehrenden Albtraum. Das Foto war teilweise verpixelt, doch Ava will die unzensierte Version des Fotos finden, denn:

„Den Körper eines Toten zu verpixeln bedeutet, ihn noch einmal zu töten.“ (Seite 16)

Ava war am 13. November 2015 nicht im Bataclan und auch nicht in einem der Restaurants oder Cafés, in denen Menschen von Terroristen getötet wurden, sondern sie hat alles vom Bildschirm aus verfolgt.

Doch sie ist regelrecht besessen von dem Thema. Schon länger befasst sie sich mit zwischenmenschlicher Gewalt. Sie schaut sich immer wieder Bilder und Videos an, lernt Opferlisten auswendig und denkt sogar über einen Job bei der Armee nach.

Angst begleitet Ava auf Schritt und Tritt, lauert überall und macht es ihr schwer, den Menschen im öffentlichen Raum nicht zu misstrauen.

Ich kann mich noch genau an den Abend erinnern, an dem es in Paris zu den Anschlägen auf das Bataclan, die Restaurants und Cafés der Stadt kam. Ich selbst habe Paris viele Jahre lang fast jedes Jahr bereist und mag die Stadt sehr gerne. Doch seit dem Anschlag auf das Bataclan war ich – weil ich nicht mehr so nah an Paris lebe – nicht mehr in der Stadt.

Ich finde, Frederika Amalia Finkelstein hat die bedrohliche Stimmung in Paris nach den Anschlägen perfekt eingefangen. Ihr Roman erzählt eindringlich und überzeugend, spiegelt auf authentische Weise wider, wie das Leben nach einer Krise beziehungsweise einem Trauma weitergehen kann. Dabei schreibt sie bisweilen sehr explizit von Gewalt, was teilweise ekelerregend ist, aber meiner Meinung nach nie voyeuristisch wirkt.

Finkelstein schreibt bisweilen in langen Sätzen, was atemlos und gehetzt wirkt – so wie sich Ava auch fühlt. Und dann wieder schreibt sie stakkatoartig – wie Gewehrschüsse.

Mir hat das Ganze sehr gut gefallen, und ich werde Finkelstein als Autorin auf jeden Fall im Auge behalten.

„Alles, was wir geliebt haben, wird immer und ewig um uns sein.“ (Seite 113, Zitat von Gérard de Nerval)

Frederika Amalia Finkelstein: Überleben. Übersetzung von Sabine Erbrich. Suhrkamp, 2018, 146 Seiten; 12,50 Euro.

Dazu hab ich auch was zu sagen!