Je tiefer das Wasser von Katya Apekina

„Bei einer Mutter wie unserer entwickelt man einen Instinkt für bestimmte Situationen. Wenn man sie zu sehr behelligt, geht sie weg.“ (Seite 67)

Vor 12 Jahren hat der erfolgreiche Schriftsteller Dennis Lomack seine deutlich jüngere Frau und Muse Marianne verlassen und seither den Kontakt zu seinen beiden Töchtern verloren. Nach einem Suizidversuch Mariannes holt er die mittlerweile 16-jährige Edie und die zwei Jahre jüngere Mae zu sich nach New York, während die Mutter in eine psychiatrische Klinik in Louisiana eingewiesen wird.

Mae, die von ihrer an einer bipolaren Störung erkrankten Mutter über Jahre hinweg überall mit hingenommen wurde, genießt ihr neues Leben bei ihrem Vater, den sie anhimmelt und bei dem sie ein Gefühl von Freiheit entwickeln kann. Edie, die deutlich unabhängiger vom Einfluss ihrer Mutter aufgewachsen ist und ihr insgesamt weniger nahe steht als ihre Schwester, entschließt sich jedoch, wieder nach Louisiana zurückzukehren, um ihrer Mutter beizustehen.

Ich habe Je tiefer das Wasser an einem einzigen Sonntag ausgelesen, und ich finde, das sagt bereits viel über das Buch aus. Je tiefer das Wasser ist sprachlich anspruchsvoll, liest sich durchweg flüssig, wird packend erzählt und zieht einen regelrecht in die Geschichte um die beiden Schwestern und ihre Familie.

Katya Apekinas Debütroman wurde sehr gelungen konstruiert: Durch die vielen Perspektiven, wobei Mae und Edie den größten Teil der Geschichte erzählen, und das Hinzuziehen von anderen Medien wie Briefen, Interviews, Telefonaten und psychiatrischen Notizen entsteht eine komplexe Geschichte. So kann man als Leser tief in die Vergangenheit von Dennis und Marianne eintauchen, die Eindrücke von alten Freunden und Bekannten kennenlernen und die Geschichte zu verschiedenen Zeiten und durch die Augen unterschiedlicher Personen betrachten. So entblättert sich die Geschichte ganz gemächlich, wobei nicht nur von mehreren Lebensverläufen, einer von Anfang an unheilvollen Beziehung und der geradezu notwendigen Trennung erzählt wird, sondern auch von der Kindheit und Jugend der Schwestern, die durch die gescheiterte Beziehung ihrer Eltern nachhaltig geprägt wurden, und nicht zuletzt von Mariannes psychischer Erkrankung mit all ihren Auswirkungen auf ihr Umfeld.

Besonders gefallen hat mir, dass die Geschichte von vielen Seiten beleuchtet wird, so dass man beim Lesen deutlich die Komplexität der Thematik spürt und die Geschehnisse nicht nur nachvollziehen, sondern regelrecht emotional miterleben kann. Dabei ist Je tiefer das Wasser zwar tragisch, aber ohne Pathos und nie effektheischend.

Je tiefer das Wasser hat mich zeitweise, vor allem durch die Themen Suizidalität und bipolare Störung, an Delphine de Vigans Das Lächeln meiner Mutter und Die Entflohene von Violaine Huisman erinnert. Ich möchte deshalb nicht nur Je tiefer das Wasser, sondern alle drei Bücher mit Nachdruck empfehlen.

„Die meiste Zeit im Leben gibt es kein ‚hätte-sollen‘. Man tut, was man tun kann.“ (Seite 153)

Katya Apekina: Je tiefer das Wasser. Übersetzung von Brigitte Jakobeit. Suhrkamp Verlag, 2020, 396 Seiten; 24 Euro.

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