Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky

„Als der Reaktor passierte, zählte ich mich zu denjenigen, die glimpflich davonkamen. Meine Kinder waren in Sicherheit, mein Mann würde sowieso nicht mehr lange halten, und mein Fleisch war damals schon zäh. Im Grunde hatte ich nichts zu verlieren. Und ich war bereit zu sterben. […]

Bis heute wundere ich mich jeden Tag darüber, dass ich noch da bin. Jeden zweiten frage ich mich, ob ich vielleicht eine von den Toten bin, die umhergeistern und nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass ihr Name bereits auf einem Grabstein steht.“ (Seite 12)

Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl musste Baba Dunja 1986 ihr Heimatdorf Tschernowo – ein fiktiver Ort in der Sperrzone von Tschernobyl – verlassen. Doch eines Tages kehrt sie zurück in ihr altes Haus und zu ihrem verwilderten Garten, in dem sie Obst und Gemüse anbaut. Ihr folgen weitere Greise, die beschlossen haben, ihren Lebensabend in der Abgeschiedenheit der Sperrzone zu verbringen.

Alles im Dorf läuft in geregelten Bahnen, die Menschen haben sich mit den besonderen Umständen arrangiert. Nur die Fahrten in die nächstgelegene größere Stadt Malyschi, wo Einkäufe getätigt werden und man seine Post abholt, unterbrechen die Routine.

Doch dann kommt eines Tages ein Fremder mit seiner Tochter ins Dorf, und damit verändert sich das Leben der Samosely.

Ich kenne die Sperrzone von Tschernobyl nicht von eigenen Reisen, aber ich stelle mir das Leben dort genauso vor, wie Alina Bronsky es beschreibt. Beim Lesen von Baba Dunjas letzte Liebe hatte ich das Dorf Tschernowo regelrecht vor Augen, konnte mir die Samosely, wie die Bewohner der 30 Kilometer-Sperrzone rund um die am stärksten kontaminierten Gebiete in der Nähe des Kernkraftwerks genannt werden, ihre Häuser und Gärten gut vorstellen.

Bronsky schreibt in klarer, schnörkelloser, aber anspruchsvoller Sprache, bietet Einblicke in das Leben in der Sperrzone, den Alltag der Samosely, die Beschwerlichkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, das Leben in Abgeschiedenheit, aber auch in die Glückseligkeit, sich an dem Ort zu befinden, an dem man wirklich sein möchte, das Leben dort zu leben, wo man hingehört. Zudem erzählt Bronsky vom Altern, von Familienbanden und nicht zuletzt von Moral und Gerechtigkeit.

Gefallen hat mir nicht nur die Komplexität des Romans, der auf 150 Seiten eine ebenso berührende wie amüsante Geschichte erzählt, sondern auch seine magisch-realistischen Züge. In Tschernowo leben die Toten unter den Lebenden, sind nie ganz verschwunden, sprechen mit ihnen, geben Ratschläge, sind Teil des täglichen Lebens, so wie man das zum Beispiel aus dem Roman Pedro Páramo des mexikanischen Autors Juan Rulfo kennt.

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe. Kiepenheuer & Witsch, 2018, 160 Seiten; 9 Euro.

Dieser Post ist Teil meines Radioaktivität-Monatsthemas im Mai 2020.

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