Am Ende bleiben die Zedern von Pierre Jarawan

„So merkwürdig es klingt: Die Vorstellung, dass es kein Mensch erleben wird, wenn die Zedern sterben, hat etwas Beruhigendes.“

Samir ist in Deutschland aufgewachsen, doch seine Eltern stammen aus dem Libanon, von dem Samirs Vater stets mit großer Sehnsucht, Hingabe und Leidenschaft spricht.

Bei einem Dia-Abend zeigt der Vater Fotos von seinem Leben im Libanon. Auf einem dieser Bilder trägt er Uniform und Waffe, steht neben einem Mann, den Samir nicht kennt. Dieses Foto verändert das Leben von Samir und seiner Familie nachhaltig: Wenige Tage nach dem Dia-Abend verlässt Samirs Vater seine Frau und seine beiden Kinder und verschwindet spurlos.

Zwanzig Jahre später macht sich Samir auf eine Reise in und durch den Libanon, um das Verschwinden seines Vaters endlich aufzuklären.

Am Ende bleiben die Zedern ist eines jener Bücher, das man sofort von Neuem lesen möchte, sobald man die letzte Seite beendet hat. Mir hat der Roman außerordentlich gut gefallen, und ich wünsche dem Buch viele Leser.

Pierre Jarawans Sprache ist poetisch und voller Metaphern, wirkt jedoch nie übertrieben blumig oder gestelzt. Der Autor schafft es vielmehr, den Leser durch den einzigartigen Schreibstil vor Ort zu versetzen, in ihm die Sehnsucht für den Libanon zu wecken, die auch den Ich-Erzähler Samir und seinen Vater befallen hat. Dabei wurden die Stimmung im Libanon sowie die Geräusche, Gerüche und Szenarien im Land von Jarawan perfekt eingefangen.

Der Autor erzählt jedoch nicht nur eine spannende und unterhaltsame Geschichte, sondern bietet zudem tiefe Einblicke in historische und politische Hintergründe, die Ursachen und die Auswirkungen des Bürgerkriegs, in die gegenwärtige Situation im Land sowie in das Leben von Flüchtlingen. Damit ist das Buch ebenso fesselnd wie aktuell und leistet meines Erachtens einen wichtigen Beitrag zur derzeitigen Flüchtlingsdebatte.

Mich hat das Buch beim Lesen oft berührt und bewegt, weil es so authentisch erzählt wurde, dass es mich emotional stark mitreißen konnte. Auch der Erzählstil, der mich bisweilen an Richard Ford erinnert hat, hat mir gefallen und ist sicherlich ein Grund dafür, dass es dem Autor mit Bravour gelungen ist, mich beim Lesen neugierig auf die Familiengeschichte und auf den Libanon zu machen.

Am Ende bleiben die Zedern ist ein sprachlich anspruchsvolles Buch über Verlust und Trauer, Herkunft und Heimat, Ausgrenzung und Einsamkeit, Flucht und Sehnsucht.

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern. Piper, 2016, 448 Seiten; 22 Euro.

Dieser Post ist Teil des Levante-Monatsthemas im August 2019.

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