Tod dem Helfer von Kilian Kleinschmidt

„Ich möchte erzählen, wie es angefangen hat. Wie der Horror in mein Leben kam, die Geister, die Toten und warum ich ihnen die Tür immer wieder weit aufgemacht, sie willkommen geheißen habe, wie alte Bekannte.“ (Seite 9)

Ich habe die Angewohnheit, kurz vor dem Schlafen noch die erste Seite eines neuen Buches anzulesen. Eines Nachts habe ich genau dies mit Tod dem Helfer vorgehabt, aber eine Stunde später – es war bereits 1:30 – war ich immer noch wach, das Büchlein ausgelesen und ich so aufgewühlt, dass ich nicht schlafen konnte.

Kilian Kleinschmidt, der mir schon durch sein großartiges Buch Beyond Survival ein Begriff war, hat mich von der ersten Seite an beeindruckt. Mit seiner gnadenlosen Ehrlichkeit, mit der er von seinem emotionalen Erleben spricht, entblößt sich der Autor regelrecht vor dem Leser, macht sich dadurch angreifbar und verwundbar.

So weckt er sofort Interesse, denn man möchte wissen, was diesem Menschen widerfahren ist, welches Ereignis sein Leben auf eine andere Bahn gebracht hat, was ihn so gebrochen hat. Mich haben seine Beschreibungen sehr betroffen gemacht – und mir auch das Fürchten gelehrt.

Kleinschmidt erzählt in Tod dem Helfer von dem Ereignis, das alles veränderte: von den Männern, die in Uganda im Morgengrauen in sein Haus eingebrochen sind, 30.000 Dollar verlangten und drohten, ihn, seine Frau Martine und seine einjährige Tochter Annalou umzubringen.

Die Stimmung im Buch ist vor allem in dieser Passage gespenstisch: Kleinschmidt gelingt eine so detaillierte Schilderung des Hauses, des Gartens, der Eindringlinge, der Angst und der Verzweiflung, dass man sich beim Lesen vor Ort wähnt und die Situation viel zu genau vor Augen hat.

Einen großen Teil des Buches nimmt aber auch sein Leben vor und – vor allem – nach diesem Tag X ein. Kleinschmidt erzählt von seiner posttraumatischen Belastungsstörung, von seinen Bewältigungsversuchen, von Kriegen, Elend, Gewalt, Tod, Situationen, die er nach dem Überfall immer wieder aufsuchte.

Kleinschmidt beschwört in seinem schmalen Buch ein tiefschwarzes, gewalttätiges, verzweifeltes Bild von Afrika herauf, das den Leser zurückschrecken lässt, das jeden Plan einer Reise im Keim erstickt, das unangenehm und unbequem ist, von dem man Abstand sucht und das man am liebsten sich selbst überlässt. Kleinschmidt hat dies nicht getan, und sein Buch zeigt klar, warum er sich mit Afrika auseinandersetzen wollte und musste.

Ich bin nach der Lektüre beeindruckt von Kleinschmidt, der so offen von sich erzählt, berührt von den Schilderungen dieses bemerkenswerten Menschen und entsetzt ob der Gewalt, die er erlebt und immer wieder aufgesucht hat.

Kilian Kleinschmidt: Tod dem Helfer. Wie eine Kalaschnikow mein Leben veränderte. DuMont Reiseverlag, 2017, 118 Seiten; 5,95 Euro.

Dieser Post ist Teil des Afrika-Monatsthemas (Länder M bis Z) im Juni 2019 (Uganda).

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