Psychiatrie in der DDR. Erzählungen von Zeitzeugen von Thomas R. Müller und Beate Mitzscherlich

„Viele der Konflikte der Psychiatrie in der DDR sind nicht DDR-spezifisch. Viele der Erfahrungen, die dort gemacht wurden, ließen sich auch unter westdeutschen Bedingungen finden. Einen Teil dieser Erfahrungen machen Betroffene auch heute. Die Funktion der Psychiatrie zur Kontrolle gesellschaftlich nicht tolerierbarer Erfahrungs- und Lebensweisen, das Verhältnis von Hilfe und Zwang, die Diskrepanz im Erleben zwischen Betroffenen und Professionellen, sind Probleme der Psychiatrie allgemein.“ (Seite 33)

Psychiatrie in der DDR beinhaltet die Erinnerungen von Zeitzeugen der DDR-Psychiatrie. Dabei kommen sowohl psychisch kranke Menschen als auch Mitarbeiter psychiatrischer Einrichtungen zu Wort, und die beiden Herausgeber Thomas R. Müller und Beate Mitzscherlich stellen Menschen verschiedener Generationen und Professionen vor. Der Fokus liegt dabei auf der Psychiatrie in Sachsen.

Ich kenne psychiatrische Arbeit als Krankenschwester, als Wissenschaftlerin und als klinische Psychologin, und ich bin in der DDR aufgewachsen. Was ich nicht kenne, ist die Arbeit in einer Psychiatrie zu DDR-Zeiten, weshalb ich gespannt auf Psychiatrie in der DDR war. Vor einer geraumen Weile habe ich zudem Irrenhäuser. Kranke klagen an von Frank Fischer gelesen, und nach der Lektüre über Zustände in psychiatrischen Kliniken in der Bundesrepublik der 1960er Jahre war ich besonders neugierig auf das Pendant auf dem Boden der DDR.

Die beschriebenen Zustände sind größtenteils schlimm und erschütternd, die Zeitzeugen sprechen z.B. von Zwangsbehandlungen, reiner Verwahrung, Insulinkur, Elektrokrampfbehandlung, Überdosierung von Medikamenten, massiven Nebenwirkungen, unpersönlichen Schlafsälen, vergitterten Fenstern, Gewalt, starren Stationshierarchien und Foltererfahrungen.

Einige dieser Aspekte kenne ich sogar noch von psychiatrischen Einrichtungen in den 1990ern auf bundesdeutschem Gebiet, die Schilderungen sind also beileibe nicht limitiert auf ostdeutsche Psychiatrien. Zum Glück hat sich seitdem einiges getan, aber über die menschenunwürdigen, bisweilen gar menschenverachtenden Zustände zu lesen, die noch nicht allzu lange der Vergangenheit angehören, schmerzt, vor allem dann, wenn man auch einen persönlichen Bezug zur Psychiatrie hat.

Es gibt im Buch aber auch positivere Schilderungen von Solidarität, Unterstützung, Fortschrittsdenken und Empathie, auch wenn dies eher in Einzelfällen beschrieben wird und leider nicht Alltag in den Psychiatrien der DDR war.

Die Zeitzeugen bieten plastische (und dadurch bisweilen fast nicht aushaltbare) Beispiele für verschiedene Situationen in DDR-Psychiatrien, was es auch Laien oder denjenigen, die Psychiatrie so glücklicherweise nicht mehr kennen, ermöglicht, sich einzudenken und einzufühlen.

Psychiatrie in der DDR ist ebenso erschreckend wie faszinierend, lehrreich und oft einfach nur beschämend.

„Es gibt so Dinge in der Psychiatrie, die sind sehr zwiespältig zu empfinden. Und das werden die Zwangseinweisungen und die Frage der Suizidalität bleiben. Das sind Punkte, an denen einem manchmal ganz schlecht ist. Und man muss trotzdem eine Entscheidung treffen.“ (Seite 158)

Thomas R. Müller und Beate Mitzscherlich (Hrsg.): Psychiatrie in der DDR. Erzählungen von Zeitzeugen. Mabuse-Verlag, 2015, 245 Seiten; 26,90 Euro.

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