Mond über Beton von Julia Rothenburg

„Wer hier aus der U-Bahn steigt, ist selber schuld.“ (Seite 9, Zitat aus „Die Welt, 7.3.2016“)

Das „Zentrum Kreuzberg“, das bis 2000 „Neues Kreuzberger Zentrum“ (NKZ) hieß, ist ein Gebäude mit 12 Stockwerken am Kottbusser Tor. Der Bau begann 1969, im Sommer 1974 wurde das NKZ erstmals bezogen.

In diesem real existierenden Gebäude leben in Julia Rothenburgs Roman unter anderem Stanca, die ursprünglich aus Rumänien stammt, verwitwet, verarmt und einsam ist, der ebenfalls verwitwete Mutlu, den die Lebensfreude verlassen hat und der mit der Erziehung seiner beiden Söhne überfordert ist, Mutlus Nichte Aylin, die in der Wohnung über ihm wohnt und versucht, ihrem Onkel und ihren Cousins so gut wie möglich zu helfen, sowie Marianne und Günther, die entsetzt ob der allgegenwärtigen Gewalt am Kotti sind und eine Bürgerwehr zusammenstellen, um auf eigene Faust gegen Junkies und Dealerbanden vorzugehen.

Ich bin selten in Kreuzberg, und ich kenne das anscheinend stadtbekannte NKZ nicht, doch ich mag Geschichten, die in Berlin spielen, so dass ich auch diesen Roman lesen wollte, der mich spontan an Bücher wie Gott wohnt im Wedding von Regina Scheer und Letzter Mann im Turm von Aravind Adiga erinnerte – zwei Romane, die mir sehr gut gefallen haben und in denen ein Wohnhaus im Zentrum der Geschichte steht.

Rothenburg gelingt es, einen Mikrokosmos der Stadt Berlin mit ihren vielen Problembereichen wie Drogen, Kriminalität und Obdachlosigkeit zu entwerfen. Sie vermittelt dabei eine ganz besondere Stimmung, die den Leser mitnimmt nach Kreuzberg. Dabei ist jeder Erzählstrang sprachlich sehr individuell, der Roman wirkt dadurch abwechslungsreich, authentisch und überzeugend.

Durch die verschiedenen Mieter, über die Rothenburg erzählt und die einen Querschnitt der Bewohner des NKZ abbilden, gelingt es der Autorin, unterschiedliche Perspektiven, Lebensentwürfe und Schwierigkeiten darzustellen, während auch das Gebäude selbst zu Wort kommt, von seiner Geschichte berichtet, Missstände anklagt.

Mond über Beton ist ein gelungener Roman über Dealer und User, Touristen und Gewinnmaximierung, Gerüche und Geräusche, Kriminalität und Gewalt, Armut und Altern, Hoffnungen und Sehnsüchte.

Julia Rothenburg: Mond über Beton. Frankfurter Verlagsanstalt, 2021, 320 Seiten; 22 Euro.

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