Langsame Jahre von Fernando Aramburu (Buch und Hörbuch)

„Don Victoriano sagt, Baske ist nur der, der Euskera spricht. Alle anderen sind bloß halbe Basken oder gleich Koreaner.“ (Seite 38)

Ein achtjähriger Junge wird zu Verwandten nach San Sebastían gebracht, da seine alleinerziehende Mutter in Armut lebt, ihn und seine Geschwister nicht mehr versorgen kann. Der Junge teilt sich ein Zimmer mit seinem Cousin Julen, der ihn anfangs piesackt, jedoch bald mit ihm spielt, ihm immer mehr vertraut und ihm schließlich den baskischen Patriotismus nahebringt.

Langsame Jahre wird aus zwei Perspektiven erzählt: Der Junge erzählt einem Autor von seinem Leben, da dieser die Erinnerungen in einem Roman verarbeiten möchte. Der Autor (Fernando Aramburu) macht sich Notizen, die für das Schreiben des Romans essentiell sind, merkt z.B. an, wo er mehr recherchieren muss, wie Orte und Situationen beschrieben werden sollen.

Langsame Jahre wurde bereits 2012 im spanischen Original veröffentlicht und erscheint nach dem großen Erfolg von Patria nun in deutscher Übersetzung. Auch ich war begeistert von Patria und zähle den ETA-Roman zu meinen Lieblingsbüchern 2018.

Langsame Jahre offenbart bereits das Erzähltalent Aramburus, zeigt seine exzellente Beobachtungsgabe, die anspruchsvolle Sprache und die ausgiebige Beschäftigung des Autors mit den Themen ETA, Baskenland, Patriotismus und Nationalismus, was er in Patria vervollkommnet hat.

Auch stilistisch hat mir der Roman ausgezeichnet gefallen, und durch die recht kindliche Erzählweise der Erinnerungen des Jungen und die Notate des Autors erhält man nicht nur Einblicke in das Leben im Baskenland der 1960er Jahre, sondern auch in die Arbeit eines Autors, in die verschiedenen Stufen des Romanschreibens und die Überlegungen, die man als Autor anstellen muss, um einen authentischen und realistischen Roman zu schreiben.

Eigentlich wollte ich das Buch eines Abends nur kurz anlesen, aber es hat mich so gefangen genommen, dass ich immer weiter gelesen und ein paar Tage später schließlich zusätzlich das Hörbuch gehört habe, das von Frank Stöckle überzeugend und hervorragend eingelesen wurde.

Langsame Jahre ist ein knapper, aber beeindruckender Roman, den ich sehr empfehlen kann, der sprachlich und stilistisch gelungen und inhaltlich packend ist. Einem Vergleich zu Patria kann Langsame Jahre dennoch nicht ganz stand halten, was jedoch vor allem darin begründet liegt, dass Patria besonders raffiniert ist und sich den Themen ETA und Baskenland sehr detailliert und eindringlich nähert.

Fernando Aramburu: Langsame Jahre. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Rowohlt, 2019, 208 Seiten; 20 Euro.

Fernando Aramburu: Langsame Jahre. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Ungekürzte Lesung von Frank Stöckle. Audiobuch Verlag, 2019; 20 Euro.

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