Haus zur Sonne von Thomas Melle

„Und mein Leben war vorbei.“ (Seite 7)

Der Protagonist in Haus zur Sonne ist am Boden: Nach mehreren Krankheitsphasen im Rahmen seiner bipolaren Störung ist seine Wohnung heruntergewirtschaftet, die Wände sind vom Rauchen vergilbt, überall stehen unausgepackte Kartons, er ist verschuldet, nach der letzten Manie hat sich fast jeder von ihm abgewendet. Er hat sich aufgegeben:

„Denn die Katastrophe war wieder passiert, und zwar intensiver und länger denn je. Ich hatte nicht für möglich gehalten, dass das geschehen könnte, und dann auch noch schlimmer, noch zerstörerischer als die Male davor. Jede Manie nimmt einem etwas, nimmt einem sogar sehr viel, aber diese, die letzte Manie, sie hat mir wirklich alles genommen.“ (Seite 9)

Da erhält er einen Brief vom sogenannten „Haus zur Sonne“ – eine staatliche Einrichtung, in der einem alle erdenklichen Träume erfüllt werden, mit der Bedingung, dass man nach deren Erfüllung aus dem Leben scheiden muss.

In Haus zur Sonne erzählt Thomas Melle von Manie, Depression, Psychose und Suizidalität, von Scham und Schuld, von Trauer und Wut, von Verzweiflung. Er lässt den Leser dadurch intensiv an seiner bipolaren Störung teilhaben und beschreibt die Wucht von Manie und Depression so plastisch, dass es beim Lesen kaum aushaltbar ist.

Ich habe Melles Die Welt im Rücken vor mehr als sechs Jahren mit großer Begeisterung und noch vor meiner Verhaltenstherapie-Weiterbildung gelesen, habe das Buch seitdem unzählige Male an Betroffene mit bipolaren Störungen empfohlen.

Mittlerweile habe ich viel Erfahrung mit der psychotherapeutischen Behandlung von Psychoseerfahrenen und damit auch mit bipolar erkrankten Personen. Dieses neue Buch von Melle lese ich also mit sechs Jahren Abstand und mit viel Wissen über bipolare Störungen, und Melle hat mich mit seinem Buch wirklich beeindruckt. Er macht die Tragik der bipolaren Störung allzu deutlich, ist sehr reflektiert, ein exzellenter Beobachter, kann seine Eindrücke perfekt und anspruchsvoll in Worte fassen, ist grenzenlos ehrlich und offen. Beim Lesen habe ich seine Verzweiflung auf jeder Seite gespürt, und er hat mir, obwohl ich in diesem Bereich viel Erfahrung habe, geradezu den Boden unter den Füßen weggerissen.

„Der Tod war mir zur zweiten Natur geworden. Ich war eigentlich schon weg, obwohl ich doch endlich wieder ein kleines, zartes Licht zu sehen begann, obwohl der Schmerz nicht mehr ganz so erbarmungslos brannte. Je besser es mir aber ging, desto rationaler und nüchterner traten paradoxerweise die suizidalen Gedanken hervor. Sie waren nicht mehr nur der Verzweiflung gedankt, sondern auch der Vernunft.“ (Seite 13)

Melle schreibt klar autobiografisch, sein Protagonist ist 50-jährig, an Bipolar-I erkrankt, Autor – wie Melle selbst. Gleichzeitig weist Haus zur Sonne fiktionale Elemente auf, vor allem mit dem Titel gebenden Haus zur Sonne. So verschwimmt nicht nur für den Protagonisten die Grenze zwischen Fiktion und Realität, sie tut dies auch für den Leser – so wie bei einer Psychose.

Haus zur Sonne hat mich extrem berührt, vor allem weil ich mich schon so lange mit Psychosen und mit dem Thema Suizidalität befasse. So gerne ich Die Welt im Rücken an betroffene Personen mit bipolaren Störungen empfohlen habe – und dies auch weiterhin tun werde – finde ich Haus zur Sonne eher nicht geeignet für Betroffene, denn dieser nonfiktionale Roman, ein Begriff von Didier Eribon, ist extrem düster und hoffnungslos – obwohl immer mal wieder die Hoffnung durchblitzt. Ich finde, dieses großartige und meisterhafte Buch kann man nur lesen, wenn man bereit und stabil genug ist, sich auf diese sehr besondere Gedanken- und Gefühlswelt Melles einzulassen. Trotzdem geht es hier auch um Recovery, um einen neuen Weg, um Hoffnung, Loslassen, Selbstmitgefühl – und diese Passagen haben mich zu Tränen gerührt.

„[…] und ich fragte mich, wieso mein Zustand heute so viel schlimmer war als damals […] und ich mich dabei doch völlig hoffnungslos und entfremdet gefühlt hatte, nicht mehr zu heilen, nicht mehr zu retten. Vielleicht war es ja jetzt auch so, und ich könnte gegen mein Wissen wieder einigermaßen hergestellt werden, und später würde ich mich fragen, wie ich das denn wieder geschafft hätte?“ (Seite 135)

Thomas Melle: Haus zur Sonne. Kiepenheuer & Witsch, 2025, 320 Seiten; 24 Euro.

Dazu hab ich auch was zu sagen!