Du darfst nicht alles glauben, was du denkst. Meine Depression von Kurt Krömer (Hörbuch)

„Die Depression verändert eben auch dein Wesen. Du wirst fremdbestimmt, irgendetwas macht dich zu einem komplett anderen Menschen, der nicht mehr lacht, der keine Emotionen mehr hat, dem alles zu viel ist.“ (Track 23)

Alexander Bojcan, der auf der Bühne und im Fernsehen Kurt Krömer spielt, erzählt in Du darfst nicht alles glauben, was du denkst von seinen depressiven Episoden. Er thematisiert dabei u.a. Alkoholabhängigkeit und Entzug, Panikattacken und Hypochondrie, Scham und Erektionsstörungen, Melancholie und Grübeln, ambulante Psychotherapie und Klinikaufenthalt sowie den Weg zur Genesung.

Ich habe mich schon sehr intensiv mit depressiven Störungen beschäftigt, sowohl wissenschaftlich als auch psychotherapeutisch, und natürlich habe ich auch viele private Berührungspunkte, denn Depressionen sind sehr häufige psychische Störungen. Ich lese gerne Bücher, die ich Betroffenen, Angehörigen, Professionellen, aber auch Laien empfehlen kann, um einen gelungenen Einblick in bestimmte psychische Störungen zu erhalten, und Du darfst nicht alles glauben, was du denkst ist eindeutig ein Buch, das ich gerne und oft empfehlen werde.

Ich empfand den Autor als unglaublich sympathisch, und er hat mich mit seinen Ausführungen sehr berührt und mich mit seiner Offenheit beeindruckt. Genauso funktioniert Entstigmatisierung von psychischen Störungen, und dafür bin ich dem Autor sehr dankbar. Krömer benennt Symptome und Schwierigkeiten ganz klar, nimmt kein Blatt vor den Mund und ist dabei so humorvoll, dass ich manchmal laut lachen musste, obwohl die Thematik im Grunde genommen oft tragisch ist. Ich finde, er schafft es mit seiner Offenheit, seinem Humor und seinem Mut auch, Betroffenen die Angst vor einer Behandlung zu nehmen, v.a. was die stationäre Behandlung von psychischen Störungen angeht.

Ich mag Autorenlesungen (meist) sehr, und hier hat es wirklich absolut perfekt gepasst, dass der Autor selbst sein bewegendes, ehrliches und Augen öffnendes Buch eingelesen hat. Ich habe die mehr als 4 Stunden fast in einem Rutsch angehört, so gefesselt war ich von den Schilderungen des Autors und von seinem Lebensbericht.

„Ich hatte viele Dinge verdrängt. Ich habe mir das immer so vorgestellt wie einen langen Flur, der zweihundert Meter lang ist, links und rechts gehen fünfzig Türen ab. Diese Türen sind verschlossen mit Sicherheitsschlössern, die sind verbarrikadiert, zugeschraubt, die bekommst du nicht auf. Und hinter jeder seelischen Tür lauert irgendwie eine Katastrophe, ein Trauma, eine schlechte Erfahrung, negative Muster. Alles Gerümpel, das dringend aufgeräumt werden müsste. Ich wusste: Wir müssen jetzt da ran. Wir müssen jetzt einmal das gesamte Leben durchforsten. Also zurückgehen und gucken, was hat dich an diesen Punkt gebracht. Warum bist du so schwer depressiv? Und davor hatte ich Angst. Ich glaub, davor hat jeder Angst. Und ich wusste natürlich, dass das mega wehtun wird, wenn wir langsam diese ganzen Türen aufmachen und dahintergucken, auf die Sachen, die ich über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte verdrängt habe.“ (Track 30)

Kurt Krömer: Du darfst nicht alles glauben, was du denkst. Meine Depression. Argon Verlag, 2022; 19,95 Euro.

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