Die Stadt der Blinden von José Saramago

„Es gibt viele Arten, zum Tier zu werden, dachte er. Das ist nur der Anfang.“

Ein Mann wartet mit seinem Auto an einer roten Ampel. Als die Ampel auf grün umschaltet, fährt er nicht los: Er ist plötzlich erblindet.

Er wird von einem Mann nach Hause gebracht, der sich erst freundlich zeigt, doch dann sein Auto stiehlt, und die Frau des Blinden begleitet ihn in eine Augenarztpraxis, um dieser sonderbaren Blindheit auf die Schliche zu kommen.

Innerhalb weniger Stunden erblinden nicht nur der Autodieb und die Frau des ersten Blinden, sondern auch der Augenarzt und seine Patienten. Nur die Frau des Augenarztes bleibt verschont.

Alle Blinden werden in eine leerstehende Irrenanstalt gebracht, wo sie (und die nachfolgenden Blinden) vom Rest der Menschheit isoliert werden. Um bei ihrem Mann zu bleiben, gibt sich die Frau des Augenarztes als Blinde aus, und schafft es so, den Isolierten beizustehen und ihnen Unterstützung zu bieten.

Ich habe Die Stadt der Blinden vor vielen Jahren zum ersten Mal gelesen und war damals sehr begeistert von dem Roman. Er ist trotzdem der einzige Roman geblieben, den ich von José Saramago gelesen habe, und nun habe ich zur Auffrischung des Hörbuch gehört.

Im Roman werden weder Personen noch Orte benannt, und auch wann die Geschichte spielt, erfährt der Leser nicht. Stattdessen werden die Personen nach bestimmten Eigenschaften unterschieden, z.B. „die Frau mit der dunklen Brille“ oder „der erste Blinde“, was nicht nur zur Anonymität der Personen führt, sondern auch zu einer gewissen Universalität und Austauschbarkeit beiträgt.

Saramagos Roman ist anspruchsvoll und von Anfang bis Ende fesselnd, ohne dass der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1998 ausschweifend, kompliziert oder blumig schreibt. Die Stimmung im Buch ist dabei unheilvoll und düster, wobei der Roman im Verlauf immer gespenstischer und bedrückender wird.

Saramagos Beschreibungen von Unterdrückung, Entrechtung, Entmenschlichung und Kompromisslosigkeit liegen bisweilen schwer im Magen, was auch daran liegt, dass die Schilderungen durchweg authentisch wirken und man sich gut vorstellen kann, dass eine solche Ausnahmesituation auf die von Saramago wiedergegebene Weise entgleist.

Ich kann den Roman voll und ganz empfehlen und lese irgendwann sicherlich weitere Romane des Autors, z.B. Die Stadt der Sehenden.

José Saramago: Die Stadt der Blinden. Aus dem Portugiesischen von Ray-Güde Mertin, btb, 2015, 400 Seiten; 11 Euro.

2 Gedanken zu „Die Stadt der Blinden von José Saramago“

  1. Hallo,

    ich kann mich daran erinnern, dass ich im ersten Ausbildungsjahr als Sortimentbuchhändlerin war, als das Buch auf Deutsch erschien. Eigentlich wollte ich es unbedingt lesen.

    Kann mich auch erinnern, dass ich das Buch lesen wollte, nachdem Saramago in meinem dritten Ausbildungsjahr den Nobelpreis erhielt. Wieder nicht passiert.

    Nun ja, ich habe mir das Buch jetzt mal dick und fett auf meine Leseliste gesetzt – muss aber noch ein bisschen warten, weil ich erst verschiedene Bücher von der Longliste des Deutschen Buchpreises lesen will.

    Danke für die interessante Rezi,
    LG,
    Mikka

    1. 🙂 Ja, so ist das manchmal, kenn ich auch. Aber ich sag mir dann immer, dass es nie die richtige Zeit für ein bestimmtes Buch war. Vielleicht klappt es jetzt, drück dir die Daumen! Danke für deinen lieben Kommentar.

      Liebe Grüße,
      Romy

Dazu hab ich auch was zu sagen!