Der Doppelgänger von Fjodor Michailowitsch Dostojewski (Hörbuch)

„Herr Goljadkin erkannte sofort seinen nächtlichen Freund. – Sein nächtlicher Freund aber war niemand anders als er selbst – ja: Herr Goljadkin selbst, ein anderer Herr Goljadkin und doch Herr Goljadkin selbst – mit einem Wort und in jeder Beziehung war er das, was man einen Doppelgänger nennt.“

Der Tag, an dem die Erzählung beginnt, startete für Herrn Jakow Petrowitsch Goljadkin, einen eher schüchternen Beamten in Petersburg, bereits auf ungewöhnliche Weise: Statt sich auf den Weg in sein Büro zu machen, fährt er zusammen mit seinem herausgeputzten Diener Petruschka in festlicher Kleidung zu seinem Arzt Krestian Iwanowitsch Rutenspitz. Goljadkin redet wirr, und der Arzt ist besorgt ob des Gesundheitszustands seines Patienten.

Goljadkins Tag wird immer sonderbarer, und schließlich gerät seine Welt vollends aus den Fugen, denn er trifft in seiner Wohnung auf seinen eigenen Doppelgänger. Dieser sieht genauso aus wie Goljadkin, aber in allem, was er tut, ist er besser als der echte Goljadkin, der in der Erzählung „der Held“ genannt wird.

Goljadkin glaubt an ein Komplott, an einen Streich, den ihm seine Feinde spielen, doch dann dominiert dieser Doppelgänger das Leben des Helden immer mehr und verdrängt ihn schließlich aus seinem Job und seinem Leben.

Die Erzählung Der Doppelgänger von Fjodor Michailowitsch Dostojewski erschien erstmals im Jahre 1846 in der Zeitschrift Vaterländische Annalen (Otetschestwennye Sapiski). Das gekürzte Hörbuch basiert auf der Übersetzung von E.K. Rahsin und wird von Walter Hilsbecher gelesen. Die Lesung an sich hat mir gut gefallen, und die Wahl des Sprechers passt zur Geschichte.

Alles in allem bietet Der Doppelgänger einen gelungenen Einblick in Dostojewskis Werk, auch wenn die Erzählung nicht an Meisterwerke wie Die Brüder Karamasow, Der Idiot, Der Spieler oder Schuld und Sühne heranreicht. Für einen ersten Kontakt mit Dostojewski empfehle ich jedoch entweder den ebenso spannenden wie leicht zugänglichen Roman Schuld und Sühne oder – falls man mit einem kürzeren Text einsteigen möchte – die Novellen Weiße Nächte und Die Sanfte.

Der Doppelgänger versetzt den Leser von der ersten Seite an ins zaristische Russland und vermittelt einen Eindruck vom Alltag im Petersburg des 19. Jahrhunderts. Dabei ist die Erzählung eher ausschweifend erzählt, bietet aber die für Dostojewski typische genaue Beobachtung der Personen und Situationen.

Beim Lesen wird man durch die Erlebnisse Goljadkins nach und nach in seine wahnhaften Überzeugungen hineingezogen, und durch das Spiel mit Realität und Fiktion weiß auch der Leser – genau wie Goljadkin selbst – bald nicht mehr, was vor sich geht, was die Ereignisse zu bedeuten haben und was man glauben soll. Damit bietet Dostojewski ein psychologisch überzeugendes Psychogramm wahnhaften Erlebens, und ist dabei ebenso überzeugend wie bei seinen Beschreibungen des pathologischen Spielens in seinem Roman Der Spieler.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski: Der Doppelgänger. Aus dem Russischen von E. K. Rahsin. Gelesen von Walter Hilsbecher. Der Audio Verlag, 2016; 8,95 Euro.

Dieser Post ist Teil des Russland-Themas im November 2017.

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