Couchsurfing in Saudi-Arabien. Meine Reise durch ein Land zwischen Mittelalter und Zukunft von Stephan Orth

„Mir fällt kein Land ein, in dem so viele Konzepte Mangelware sind, die ich gut finde. Demokratie, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau zum Beispiel. Außerdem mag ich Länder, die militärisch abrüsten, auf erneuerbare Energien setzen, über eine unabhängige Justiz verfügen und Straftätern nicht die Köpf abhacken. Ich mag Länder mit Kneipen, ich spreche gern mit Frauen und halte Religionen für überschätzt. Saudi-Arabien ist so etwas wie mein persönliches Anti-Utopia. Werde ich trotzdem eine Verbindung spüren zu den Menschen, werden wir gemeinsame Ebenen finden?“ (Seite 19)

Stephan Orth bereist für 9 Wochen Saudi-Arabien, z.B. Dschidda, Ha‘il, Riad, Nadschran, Dammam und Dschazan. In Couchsurfing in Saudi-Arabien erzählt er von MDL Beast und Karaoke, Nepotismus und Snapchat, Hiking und Wüstencamping, Wahhabiten und Quran, Mohammed bin Salman und Bürgerkrieg im Jemen, Enthauptung und Scharia, Ghutra und Abaya, Polygamie und Kamelen, Schnee und Vulkanlandschaften, Briman Prison und Frauenrechten, vorehelichen Beziehungen und Homosexualität, Dolchen und Rub al-Khali, Corona-Virus und Erdöl.

Ich kenne bereits die anderen Bücher von Orth (Couchsurfing in China, Couchsurfing in Russland, Couchsurfing im Iran, Kaukasus. Eine Reise an den wilden Rand Europas und Iran. Tausend und ein Widerspruch), und genau wie die anderen Bücher fand ich auch Couchsurfing in Saudi-Arabien großartig.

Ich habe mich schon eingehender mit der Arabischen Halbinsel beschäftigt, vor allem mit dem Jemen, aber auch mit Saudi-Arabien, und so war ich besonders gespannt auf Orths neueste Couchsurfing-Geschichten.

Wie vom Autor gewohnt ist auch Couchsurfing in Saudi-Arabien unterhaltsam, weist viel Sprachwitz auf, ist dadurch amüsant zu lesen und vermittelt gleichzeitig sehr viel Wissen. Orth ist dabei durchaus kritisch, zeigt die Missstände im Land, ermöglicht Einblicke ins Rechtssystem, in die Gesellschaftsstruktur und in die Grundüberzeugungen vieler (männlicher) Saudis. Doch er präsentiert auch die positiven Aspekte des Landes, schreibt von Gastfreundschaft der Menschen und von der Schönheit der Landschaften. Durch seine besondere Art zu reisen ist Orth ganz nah dran an den Saudis, ihren Sehnsüchten, Wünschen, Vorurteilen, Problemen, und dadurch lernt auch der Leser ein Saudi-Arabien kennen, das bisher größtenteils unbekannt war und im Verborgenen blieb.

Es ist fast egal, wohin es Orth das nächste Mal zieht, über welches Land er schreibt, wo er couchsurft – ich freue mich jetzt schon auf sein nächstes Buch, das einem ein bestimmtes Land auf gelungene und einzigartige Weise, mit viel Humor und mit großer Komplexität nahebringen wird.

„Eine Pandemie löst die schlimmste Krise der Reisebranche seit 75 Jahren aus – ausgerechnet als Saudi-Arabien zum ersten Mal mitmischen wollte im Milliardengeschäft Tourismus.

Man könnte auch sagen: Saudi-Arabien ist plötzlich überall.“ (Seite 252)

Stephan Orth: Couchsurfing in Saudi-Arabien. Meine Reise durch ein Land zwischen Mittelalter und Zukunft. Malik, 2021, 256 Seiten; 18 Euro.

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