Auswege. Depressionen und Angst verstehen und überwinden von Brent Williams

„Mitten auf meinem Lebensweg
fand ich mich in einem düsteren Wald wieder…
wo der Weg verloren war.“

(Die Göttliche Komödie, Dante Alighieri, 1265-1321)

Brent Williams erzählt in Auswege von den Symptomen seiner drei depressiven Episoden, die im Buch zeitlich gerafft wurden, und bietet so zum einen Einblicke in die Psychopathologie depressiver Störungen, zum anderen in seine persönliche Erlebens-, Gefühls- und Gedankenwelt.

Er beschreibt den (leider recht typischen) Weg durch dunkle Zeiten, in denen er keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen hat, weil er nicht wusste, woran er tatsächlich leidet, weil er das Gefühl hatte, es allein schaffen zu müssen, und weil psychische Erkrankungen auch heute noch mit einem großen Stigma belegt sind, wodurch Betroffene oft schweigen und sich ob ihrer Symptome schämen, die von Nicht-Betroffenen allzu oft als Faulheit, Sich-Anstellen oder Übertreibung angesehen werden. Auch die häufige Komorbidität mit Angststörungen, die auch bei Williams auftraten, wird erwähnt und erklärt, so dass der Leser der Graphic Novel ein breites Wissen über depressive Störungen erlangen kann.

Williams beschreibt im Verlauf außerdem seinen Weg aus der Depression und geht dabei sowohl auf professionelle Hilfe als auch auf kleine Änderungen seines Alltags und auf Achtsamkeit ein. Angesprochen wird auch, dass es immer wieder kleinere oder größere Rückschläge geben kann, die dem Betroffenen das Gefühl geben können, nichts würde sich ändern und es gäbe keine Hoffnung, die jedoch recht typisch sind und überwunden werden können und müssen.

Begleitet wird der ebenso lehrreiche wie berührende Text von teils düsteren, teils hoffnungsvollen Illustrationen von Korkut Öztekin.

Ich habe das Buch bereits letztes Jahr im englischen Original gelesen und den Autor 2018 auf der Frankfurter Buchmesse getroffen. Da ich sehr begeistert vom Buch und von der Begegnung mit Williams war und bin, macht es mich überaus glücklich, nun eine deutsche Übersetzung in den Händen halten zu können, da Auswege meiner Meinung nach einen wichtigen Beitrag zum Verständnis depressiver Störungen leistet. Das Buch dem deutschen Markt zugänglich zu machen, war somit nicht nur Williams‘ Wunsch, sondern auch mir selbst ein großes Anliegen.

Ich bin Psychologin und befinde mich in Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin, habe dadurch fachliche Expertise im Umgang mit Menschen, die an einer depressiven Störung leiden. Ich hatte und habe jedoch auch im privaten Umfeld Kontakt mit depressiven Erkrankungen, und ich weiß, dass der professionelle Umgang mit Depression oft ein ganz anderer ist als der private Umgang, wobei ich Letztgenannten als deutlich schwieriger und fordernder empfinde.

Williams verwendet eingängige Beschreibungen, Erklärungen, Vergleiche und Visualisierungen, die ich als sehr gelungen und als großartig gewählt empfand, z.B. die „Bibliothek negativer Gedanken“ oder Parallelen zu somatischen Erkrankungen, die nicht stigmatisiert sind und für die man sich normalerweise ohne Weiteres professionelle Hilfe sucht.

Mich haben sowohl die Lektüre des Buches als auch die persönliche Begegnung mit Williams nachhaltig beeindruckt und bereichert, und ich empfand Auswege als ein perfekt in Worte gefasstes Buch über depressive Störungen, das von hervorragenden Illustrationen begleitet wird und das zudem hervorragend ins Deutsche übertragen wurde.

Dies alles macht das Buch extrem nützlich für Betroffene und für alle, die sich mehr mit der wahren Natur einer depressiven Störung auseinandersetzen möchte, die verstehen wollen, was in Menschen mit Depression vorgeht, wie man mit ihnen umgeht, wie man helfen kann und dass „Mach doch einfach mal, raff dich auf, motiviere dich“ nicht hilft, sondern für jemanden mit einer Depression ein schier unüberwindbares Hindernis darstellt.

Brent Williams: Auswege. Depressionen und Angst verstehen und überwinden. Illustriert von Korkut Öztekin. Aus dem Englischen von Anne Ortlepp. Droemer Knaur, 2019, 160 Seiten; 18 Euro.

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