Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß von Manja Präkels

„Wie Schimmelpilz in den Kellerritzen hatte sich die Wut erst im Haus, dann auf der Straße verbreitet und beherrschte schließlich die ganze Stadt.“ (Seite 57)

Mimi wächst zu DDR-Zeiten in Brandenburg auf, und als sie mit ihren Eltern von der Havelstraße in ein kleines, halb verfallenes Haus in der Nähe umzieht, verliert sie den Anschluss zu ihren alten Freunden und anderen Familienmitgliedern. Sie gehört zu keiner Gruppe, ist allein und isoliert. Da trifft sie Oliver, der ähnlich ausgegrenzt ist und der sich später „Hitler“ nennen wird, und findet in ihm einen engen Freund.

Doch die Freundschaft zwischen ihr und Oliver zerbricht, und auch das Land, in dem Mimi aufgewachsen und das ihre vertraute Heimat ist, gibt es bald nicht mehr.

Nach dem Fall der Mauer teilen immer mehr von Mimis Freunden, Bekannten und Verwandten rechtsextremes Gedankengut, ihr ehemaliger Freund Oliver steigt schnell in der Hierarchie der Rechtsextremen auf, und bald wird die brandenburgische Kleinstadt von Hass, Wut und Gewalt dominiert.

Ich bin selbst in der DDR aufgewachsen, und an vielen Stellen von Manja Präkels Debütroman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß hatte ich das Gefühl, hier könnte es genauso gut um mein eigenes Leben gehen.

Ich selbst kenne die typische DDR-Propaganda, den Fahnenappell, die Pionierorganisationen und sogar die Pionierrepublik „Wilhelm Pieck“, habe den Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung hautnah miterlebt, und mir ist der beängstigende Aufstieg des Rechtsextremismus in den 1990er Jahren in den neuen Bundesländern aus eigener Erfahrung geläufig.

Von dieser Warte aus kann ich sagen, dass Präkels Buch sehr realistisch ist, auch wenn man sich beim Lesen wünscht, dass es – vor allem in Bezug auf nationalistisches, rechtsextremes, hassdominiertes Gedankengut – anders wäre.

Präkels, die für Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß 2018 mit dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium, dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet wurde, berichtet auf sachliche, beinahe spröde Weise von einer sich verändernden Gesellschaft, kommt schnell auf den Punkt, macht sprachlich und erzählerisch keine Umwege, so dass es ihr gelingt, auf nur etwas mehr als 200 Seiten eine komplexe Geschichte zu erzählen, die erschreckt, berührt und schockiert, aber gleichzeitig informiert.

Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß zeigt eindrücklich, dass der Erfolg der AfD vor allem (aber nicht nur) in den neuen Bundesländern kein neues Phänomen ist und dass die Weichen schon vor recht langer Zeit gestellt wurden. Ich kann den Roman jedem empfehlen, der verstehen möchte, was vor und nach dem Fall der Mauer in den neuen Bundesländern vor sich ging.

Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß. Verbrecher Verlag, 2017, 232 Seiten; 20 Euro.

Dieser Post ist Teil des DDR-Monatsthemas im November 2019.

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