Schwarze Schwestern von Chika Unigwe

„Die Menschen kannten die Risiken und gingen sie ein, weil sie wussten, dass sich der Einsatz, waren sie erst einmal am Ziel, lohnen würde.“ (Seite 80)

Sisi, Ama, Joyce und Efe kamen alle über den Menschenhändler Dele von Nigeria nach Europa. Sie leben in Antwerpen, verkaufen sich in den Schaufenstern des Rotlichtmilieus an unzählige Männer, um ihre Schulden bei Dele zu begleichen, und träumen von einem Leben nach der Prostitution.

Als Sisi, die in Lagos Wirtschaftswissenschaften studiert und trotz guter Ausbildung keine Chance auf einen Job hatte, ermordet wird, erzählen sich die anderen drei Frauen von ihrem jeweiligen Leben: Efe berichtet vom 45-jährigen Titus, der die damals 16-Jährige für Sex bezahlte und sitzen ließ, als sie von ihm schwanger wurde. Ama wurde ab dem 8. Lebensjahr drei Jahre lang von ihrem strengen, religiösen Vater vergewaltigt. Und Joyce, die ursprünglich aus dem Sudan stammt, wo ihre Eltern und ihr Bruder von Soldaten niedergemetzelt wurden und sie selbst von mehreren Männern vergewaltigt wurde, verliebt sich eines Tages in einen Mann, der sie mit nach Nigeria nimmt.

Der Einstieg fiel mir nicht so leicht wie erhofft, ich habe nicht direkt in die Geschichte gefunden, musste mich erst orientieren und einlesen. Doch schon bald war ich restlos begeistert von diesem großartigen Roman, der von vier verschiedenen Frauenleben erzählt und Korruption, Armut, Gewalt, Arbeitslosigkeit, Menschenhandel, Prostitution, soziale Ungerechtigkeit und die traditionelle Rolle der Frau thematisiert.

Chika Unigwe zeigt viele Facetten des Lebens in Nigeria, aber meist sind dies negative Seiten des Landes, in dem eine Frau nur wenig zählt und verschachert wird, wo man Menschen mit Träumen eine einfache Alternative, dem Elend zu entfliehen, vorgaukelt, und in dem Frauen den Weg der Prostitution wählen, weil sie sonst kaum eine andere Wahl haben.

Der Roman ist nicht immer leicht zu lesen und teilweise brutal, z.B. wenn die Gewalt der Soldaten explizit geschildert wird. Er ermöglicht es dem Leser jedoch, ganz tief in das Wesen dieses Landes einzutauchen, die Träume und Sehnsüchte der vier Frauen zu erfahren, die stellvertretend für so viele nigerianische Frauen stehen, ihre Traumata und ihren Alltag kennenzulernen und ihren Kampf ums Überleben zu verfolgen.

Eines meiner Lieblingsbücher 2021!

Chika Unigwe: Schwarze Schwestern. Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm. Tropen Verlag, 2010, 282 Seiten; 20 Euro.

Dieser Post ist Teil meines Nigeria-Monatsthemas im September 2021.

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