Ruanda 1994 bis heute. Vom Umgang mit einem Völkermord von Gerd Hankel

„Das war also die Situation im Frühjahr 1994: Ein Land am Rande des Abgrunds, in dem es nur eines Funkens bedurfte, um die Mischung aus Hass, Vergeltungssucht und beiderseitiger Kriegsbereitschaft zur Explosion zu bringen.“ (Seite 46)

Gerd Hankel berichtet in Ruanda 1994 bis heute vom Völkermord, der sich zwischen April und Juli 1994 in Ruanda zugetragen hat und dem Hunderttausende zum Opfer gefallen sind. Bei den Tätern handelte es sich um Hutu, der größten Bevölkerungsgruppe Ruandas, bei den Opfern größtenteils um Tutsi, jedoch auch um Hutu, die sich nicht aktiv am Genozid beteiligten und/oder versuchten, Tutsi zu schützen.

Im weiteren Verlauf setzt sich Hankel mit den Ursachen des Genozids auseinander und erläutert die Rolle der Kolonialisierung, beschreibt die Folgen des Völkermords und die politische Situation Ruandas nach 1994. Hierfür hat er Orte des Gedenkens und der Massaker aufgesucht, z.B. die Kirchen in Ntarama und Nyamata, die ehemalige Schule in Murambi sowie das Amahoro-Stadium in Kigali, erzählt von Gacaca-Verhandlungen, dem Friedensvertrag von Arusha und der neuen Verfassung, aber auch vom plötzlichen Verschwinden von Menschen, von willkürlichen Verhaftungen und jahrelanger Untersuchungshaft ohne Gerichtsprozess, von Unterdrückung von Meinungsäußerungen, Wahlbetrug und den Kongo-Kriegen.

Ich habe mich schon intensiver mit dem Genozid in Ruanda auseinandergesetzt, aber bisher kaum über die gegenwärtige Lage in Ruanda gelesen, so dass ich durch Hankel spannende und wertvolle Einblicke in die Geschichte des Landes nach 1994 erhalten habe.

Ruanda 1994 bis heute ist ein schmales Buch, steckt aber voller Informationen. Hankel hat für sein Buch ausgiebig recherchiert und das erlangte Wissen sehr kompakt zusammengefasst. Das Ergebnis ist ein dicht geschriebenes Buch, das auch Einsteigern ins Thema eine gute Basis liefert, beim Lesen aufgrund der Inhaltskomprimierung aber volle Aufmerksamkeit verlangt, obwohl es in leicht verständlicher Sprache geschrieben ist.

Ich persönlich habe viel Bekanntes gelesen, aber auch Neues entdeckt. Bisweilen empfand ich Ausführungen etwas zu detailliert, aber alles in allem hat mir der Autor ein komplexes Bild Ruandas nach 1994 vermittelt.

Gerd Hankel: Ruanda 1994 bis heute. Vom Umgang mit einem Völkermord. zu Klampen Verlag, 2019, 160 Seiten; 16 Euro.

Dieser Post ist Teil des Afrika-Monatsthemas (Länder M bis Z) im Juni 2019 (Ruanda).

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