Ort der Engel. Die Tragödie von Beslan und ihre Folgen von Erika Fatland

„Er [Vladimir Putin] hätte mit den Terroristen verhandeln können. […] Die Forderungen der Terroristen waren ganz einfach und verständlich. Zieht eure Truppen aus Tschetschenien ab. Warum konnte er das nicht tun? Es ist sinnlos, im eigenen Land Krieg zu führen. Welche normale Regierung tut so etwas?“

Ich kenne bereits Sowjetistan von Erika Fatland und war restlos begeistert von ihren Beschreibungen Turkmenistans, Kasachstans, Tadschikistans, Kirgisistans und Usbekistans. Nun habe ich Ort der Engel gelesen, in dem Fatland die Geiselnahme in der Schule Nr. 1 im ossetischen Beslan thematisiert.

Für ihre Recherche hat Fatland Beslan zwei Mal für längere Zeit besucht – im Herbst 2007 und im Frühjahr 2010 – sowie Interviews in Moskau und St. Petersburg geführt. Niedergeschrieben hat sie ihr Buch fast sieben Jahre nach dem Geiseldrama im September 2004, bei dem 333 Menschen, darunter 186 Kinder, ums Leben gekommen sind und mehr als 800 Menschen verletzt wurden.

Durch ihre minuziösen Beschreibungen der Abläufe der Geiselnahme und der Folgen dieser drei Septembertage im Jahre 2004 gibt Fatland den tragischen Ereignissen ein Gesicht bzw. viele verschiedene Gesichter. Sie erklärt in Ort der Engel, bei dem es sich im Übrigen um den Friedhof handelt, der eigens für die Opfer des Terroranschlags angelegt wurde, wie sich der Anschlag zugetragen hat, wie die Geiselnahme beendet wurde und was Überlebende darüber erzählen. Dabei lässt sie Eltern zu Wort kommen, die ihre Kinder verloren haben, spricht mit Eltern, deren Kinder überlebt haben, und stellt Personen vor, deren ganze Familie beim Anschlag getötet wurde und die nicht wieder in ihr altes Leben zurückfinden.

Fatland berichtet stets eindringlich, beobachtet genau und erklärt umfassend, so dass sie die Ereignisse im September 2004, die politische Situation und das alltägliche Leben im Kaukasus besser verstehbar und greifbar macht.

Ein Lageplan der Schule und eine Karte von Region, die auf den ersten Seiten des Buches abgedruckt sind, helfen zusätzlich dabei, sich die Septembertage 2004 in der Schule Nr. 1 vorstellen und das Gelesene besser einordnen zu können.

Erika Fatland: Ort der Engel. Die Tragödie von Beslan und ihre Folgen. Aus dem Norwegischen von Stephanie Elisabeth Baur und Ina Kronenberger. btb, 2017, 285 Seiten; 9,99 Euro.

Dieser Post ist Teil des Kaukasus-Themas im Oktober 2018.

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