Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten von Thomas Bock

„Niemand ist nur gesund oder nur krank. Auch Menschen mit akuten Psychosen sind nicht nur symptomgesteuert, sondern in widersprüchlichem Kontext handelnde und um Gleichgewicht ringende menschliche Wesen – in verzweifelter Not, in sensitiver Reaktion auf soziale Belastungen in beiden Richtungen (Reizüberflutung oder -entzug), als Seismografen umfassender gesellschaftlicher Bedrohung. Diese Sichtweise macht die Begegnung und therapeutische Arbeit mit Psychose-Erfahrenen und ihren Angehörigen lehrreich, reizvoll und spannend.“ (Seite 152f)

Thomas Bock fasst in Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten die wichtigsten Aspekte zusammen, die man über Psychosen wissen sollte: Verlauf, Symptome, Häufigkeit, Auslöser, Risiko- und Schutzfaktoren, Stigmatisierung, Trialog, Recovery, EX-IN, Hometreatment, Soteria, Psychosenpsychotherapie und Pharmakotherapie.

Vor einem knappen Jahr habe ich Umgang mit psychotischen Patienten von Bock gelesen, und Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten lehnt an dieses Buch an, wurde aber komplett überarbeitet. Meiner Meinung nach hat sich Bock mit Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten‘ selbst übertroffen, denn er hat das bereits großartige Buch Umgang mit psychotischen Patienten wundersamerweise noch besser gemacht.

Seit meiner ersten „Begegnung“ mit Bock im Film Nicht alles schlucken/Leben mit Psychopharmaka bin ich erklärter Bock-Fan. Mit Psychosen habe ich mich bereits sehr intensiv beschäftigt: wissenschaftlich in der Hirnforschung, in meiner Dissertation und im Rahmen universitärer Lehre. Ich habe zudem einen starken persönlichen Bezug zu (schizophrenen) Psychosen und möchte/werde in Zukunft psychotherapeutisch mit Betroffenen arbeiten. Bock sehe ich als großes Vorbild für einen wertschätzenden, ehrlich interessierten, empathischen, beharrlichen Behandler im Bereich der Psychosenpsychotherapie, so dass ich immer wieder zu seinen Büchern greife, von denen ich so viel lernen und mitnehmen kann.

Bock trifft mit seinen Ausführungen immer wieder ins Schwarze, so dass ich mir beim Lesen von Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten immer wieder Sätze markiert habe, in denen er seine Überlegungen so gekonnt zusammengefasst hat, dass ich sie immer wieder nachlesen möchte.

In jedem einzelnen Satz des Buches spürt man Bocks Wertschätzung, seine Authentizität, sein wahres Interesse an Menschen mit Psychose. Dies alles hat mich beim Lesen sehr berührt, denn vor allem für Betroffene mit Psychosen brauchen wir mehr solche Behandler mit echter Leidenschaft, echter Empathie und einem gewissen Beharrungsvermögen.

Das Buch enthält sehr aktuelle Informationen und greift sogar die Corona-Pandemie auf, und obwohl ich mich schon sehr ausgiebig mit Psychosen beschäftigt habe, habe ich trotzdem noch viel dazugelernt, habe von Bock wichtige Impulse bekommen.

Ich möchte das Buch allen Betroffenen, aber auch Angehörigen und Professionellen mit Nachdruck empfehlen und wünsche mir sehr, dass viele Menschen von Bocks menschlichem Ansatz lernen und die Behandlung von Betroffenen mit Psychosen verbessern möchten und werden.

„Wir therapeutisch Handelnden sind umgekehrt nicht unverletzbar, stehen nicht unverrückbar am anderen Ufer, sondern sollten uns offener als bisher zur eigenen Brüchigkeit, Krisenerfahrung und Bedrohtheit durch reale Gefahren bekennen – zum Vorteil für beide Seiten und als Basis für das gemeinsame Bemühen um eine symmetrische Beziehung.“ (Seite 152)

Thomas Bock: Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten. Psychiatrie Verlag, 2020, 160 Seiten; 20 Euro.

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