Löwenchor. Novellen von György Dragomán

„[…] ich wusste, dass es sich nur um einen Fluch handeln konnte, einen ganz bösen Fluch, und ich wusste, dass es abergläubisch war, so etwas zu denken, es gibt keine Flüche, und doch spürte ich, wie die Angst bei mir einzog.“ (Seite 71)

Der gemeinsame Nenner der Novellen in György Dragománs Buch Löwenchor ist die Musik, ansonsten widmet er sich vollkommen unterschiedlichen Themen und erzählt diese auf ganz verschiedene Weise.

Der Leser erfährt z.B. von einem Jungen, der unermüdlich Geige spielt, da ihm sein Vater erzählt, dass an seinem 13. Geburtstag der schwarze Geiger kommt und ihn prüfen wird.

Eine andere Novelle handelt von einer Sängerin, die nach 18 gemeinsamen Jahren von ihrem Mann, einem Bassisten, verlassen wird.

Und wir begleiten einen Judas Priest-Fan, der zu einem Konzert nach Katowice trampt.

Ich habe vor einigen Jahren Der Scheiterhaufen von Dragomán gelesen und war begeistert von diesem magisch-realistischen Werk. Auch die Novellen des in Siebenbürgen geborenen Autors, der im Alter von 15 Jahren mit seiner Familie nach Ungarn übersiedelte, haben mich beeindruckt.

Die Novellen behandeln nicht nur vollkommen heterogene Themen, sie unterscheiden sich auch ansonsten stark voneinander. Einige der Novellen empfand ich als eher düster und unheilvoll, andere als amüsant und bitterböse, wieder andere als traurig und berührend. Allesamt sind meisterhaft geschrieben, sprachlich anspruchsvoll, mit verschachtelten Sätzen und Bildern, die man nicht schon x-mal irgendwo gelesen hat (z.B. „Mein Vater zeigt mir seine Hände, die Finger sind krumm und knotig wie die Wurzeln der Eibe […]“, Seite 7).

Mich haben einige – aber nicht alle – Novellen Dragománs an Agota Kristofs Romane erinnert, die ich auch sehr empfehlen kann. Zudem möchte ich allen Der Scheiterhaufen ans Herz legen, und ich persönlich freue mich, dass noch Dragománs Roman Der weiße König ungelesen in meinem Regal steht, auf den ich schon sehr gespannt bin.

György Dragomán: Löwenchor. Novellen. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó und Terézia Mora. Suhrkamp Verlag, 2019, 269 Seiten; 24 Euro.

Dieser Post ist Teil des Ungarn-Monatsthemas im Juni und Juli 2020.

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