Die Herzen der Männer von Nickolas Butler

„Ich sage dir jetzt mal, wo du Freundschaften schließt. Freundschaften schließt man in der Armee, im Schützengraben und an der Front. Mit Männern, die sich für dich vor eine Kugel werfen, die mit dir ihre letzte Zigarette und den letzten Tropfen Wasser aus ihrer Feldflasche teilen.“ (Seite 17f)

Clete Doughty hat – genau wie sein Vater vor ihm – klare Vorstellungen davon, wie man sich als Junge/Mann zu verhalten hat und was untragbare Eigenschaften sind, und er gibt diesen Überzeugungen gerne mit einer ordentlichen Tracht Prügel Aus- und Nachdruck. Clete selbst hat im Zweiten Weltkrieg gedient, sein Vater im Ersten, und für Clete gibt es keine größere Ehre als das eigene Land zu verteidigen und so seinen Mann stehen zu können.

Mit diesen Überzeugungen von Männlichkeit, Ruhm und Ehre erzieht er auch seinen Sohn Nelson, der Sommer für Sommer ins Camp Chippewa fährt und dort versucht, seinen Vater mit dem Einheimsen von Pfadfinder-Verdienstabzeichen zu beeindrucken. Stets ist er bemüht, sein Bestes zu geben, seinen Vater stolz zu machen, nie in Schwierigkeiten zu geraten.

Freunde hat Nelson nicht – weder bei den Pfadfindern noch zu Hause in Eau Claire. Lediglich der zwei Jahre ältere Jonathan Quick scheint auf Nelsons Seite zu stehen, erscheint als einziger Gast an Nelsons 13. Geburtstag, bietet ihm – wenngleich geringe und zweifelhafte – Unterstützung gegen die Schikanen, Hänseleien und Anfeindungen der anderen Jungen im Camp.

Nickolas Butler erzählt in seinem Roman Die Herzen der Männer von Männern, die ihre Söhne als das erziehen, was sie selbst für den wahren Wert des Lebens ansehen, was sie oft selbst nicht erreicht haben. Butler schreibt von Scheitern und verschiedenen Lebensentwürfen, von Erniedrigung und Gewalt, von Sexismus und konservativem Rollenverständnis, von Krieg und Heldentum.

Mich hat Die Herzen der Männer noch mehr beeindruckt als Butlers Shotgun Lovesongs, das ich vor vielen Jahren gelesen habe und das mir sehr gut gefallen hat.

Die Herzen der Männer weist eine überwältigende psychologische Tiefe auf, die dazu führt, dass man als Leser gar nicht anders kann als mit Nelson und den anderen Protagonisten, die von ihren Vätern in eine Rolle gezwängt werden, mitzufühlen und mit ihnen mitzuleiden.

Von Anfang an empfand ich das Buch mit den expliziten und überzeugenden Schilderungen von Demütigungen, Gewalt, Lieblosigkeit, Ungerechtigkeit und den Kampf darum, gesehen und respektiert zu werden, als sehr verstörend. Dies liegt sicherlich auch an den lebensnah beschriebenen Protagonisten, die mir Zugang zu einer Männerwelt verschafft haben, der mir bisher verschlossen geblieben ist.

Auch sprachlich ist das Buch gelungen: ebenso anspruchsvoll wie unterhaltsam, fesselnd geschrieben und mitreißend erzählt. Durch die drei Zeitebenen (1962, 1996 und 2019) begleitet man die Protagonisten durch ihr Leben, sieht, wie sie sich entwickeln, ist dabei, wenn sie an sich und der Welt wachsen und wenn sie scheitern.

Butler öffnet in Die Herzen der Männer die Tür zu einer Welt, in der Gewalt, Lügen, Affären geduldet, erwünscht oder sogar Tugenden sind, weil sie Ausdruck von Männlichkeit und Überlegenheit sind. Zu einer Welt, in der moralisches Verhalten unterdrückt, belächelt und verachtet wird.

Nickolas Butler: Die Herzen der Männer. Aus dem Amerikanischen von Dorothee Merkel. Klett-Cotta, 2018, 477 Seiten; 22 Euro.

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