Der Zopf von Laetitia Colombani (Buch und Hörbuch)

„Manchmal, sagt sie sich, rückt das Leben die finstersten und die lichtesten Momente nah zusammen. Es nimmt und gibt gleichzeitig.“ (Seite 129f)

Badlapur, Uttar Pradesh, Indien:
Smita ist eine Dalit. Sie sammelt – wie ihre Mutter vor ihr – die Exkremente anderer Menschen ein und steht in der indischen Gesellschaft an unterster Stelle: „Sie ist nicht nur unberührbar, sie soll unsichtbar sein.“ (Seite 17). Für ihre sechsjährige Tochter Lalita wünscht sich Smita ein besseres Leben und ist bereit, mit all ihrer Kraft dafür zu kämpfen, dass ihre Tochter nicht in ihre Fußstapfen tritt.

Palermo, Sizilien:
Seit fast einem Jahrhundert lebt die Familie Lanfredi von der Cascatura, „einem alten sizilianischen Brauch, der darin besteht, Haare, die ausfallen oder abgeschnitten werden, zu sammeln, um später Toupets oder Perücken daraus zu machen.“ (Seite 27). Als ihr Vater, der Besitzer der Perückenfabrik, nach einem Unfall zwischen Leben und Tod schwebt, übernimmt seine 16-jährige Tochter Giulia die Leitung der Firma und kämpft um Anerkennung und Respekt.

Montreal, Kanada:
Die 40-jährige Sarah ist Anwältin und hat sich in einer der renommiertesten und gefragtesten Kanzleien der Stadt hochgearbeitet: „Die Mehrzahl ihrer ehemaligen Kommilitoninnen ist an der gläsernen Decke gescheitert. […] Sie nicht. Nicht Sarah Cohen. Sie hat die Decke durchbrochen, hat sie mit unzähligen Überstunden, Wochenendschichten und nächtelanger Vorbereitung ihrer Plädoyers zur Explosion gebracht.“ (Seite 37). Für ihren Erfolg hat Sarah viel geopfert: Ihre beiden Ehen sind gescheitert, und für ihre drei Kinder bringt sie kaum Zeit auf. Dann erkrankt Sarah schwer, und sie kämpft sich durch ihre Krankheit wie durch ihr Leben – allein und erbarmungslos gegen sich selbst.

Der Zopf, der erste Roman der französischen Autorin Laetitia Colombani, ist in anspruchsvoller und doch einfacher Sprache geschrieben und zeichnet sich durch einen lebendigen Stil aus. Durch die häufigen Szenewechsel zwischen Indien, Italien und Kanada ist der Roman sehr abwechslungsreich, und jedes der drei Frauenschicksale hat mich auf seine Art sehr bewegt und berührt.

Gelungen fand ich dabei vor allem die Tatsache, dass jeder Erzählstrang den Leser vor Ort versetzt, dass alle drei Perspektiven authentisch wirken, die Details jeweils stimmig sind, sich die Protagonistinnen glaubwürdig verhalten und die Szenerie stets sehr atmosphärisch ist.

Wie Colombani die drei Erzählstränge zusammenführen wird, war meiner Meinung nach sehr vorhersehbar, aber dies hat meinem Lesevergnügen keinen Abbruch getan, und zudem haben mich dezentere, deutlich weniger explizite Zusammenhänge zwischen den drei Frauen begeistern können. Obwohl sich Smita, Giulia und Sarah nicht kennen, verschwimmen die Grenzen zwischen ihnen nach und nach. Sie leben weit voneinander entfernt, haben einen jeweils anderen Platz in der Gesellschaft und weisen eine vollkommen unterschiedliche Herkunft auf, aber dennoch fühlt sich die eine Frau bisweilen so wie eine der anderen beiden Protagonistinnen, z.B. Giulia wie eine Anwältin, Sarah wie ein Paria. Auch bestehen haarfeine Beziehungen zwischen ihnen: Wenn die eine ihre Würde verliert, gewinnt die andere ihre zurück. Nicht zuletzt sind die drei Frauen auch durch die Tatsache miteinander verbunden, dass sie alle Frauen in einer Männerwelt sind, deren Leben von Ungerechtigkeit und Benachteiligung geprägt sind, die sich durchsetzen und für ihr nacktes Überleben kämpfen müssen.

Auch die Wahl der Hörbuchsprecherinnen hat mir gefallen. Valery Tscheplanowa liest Smitas Geschichte mit einer fast wispernden Stimme, die bisweilen an ein Kind erinnert. Eva Gosciejewicz liest die Rolle der temperamentvollen Giulia auf überzeugende Weise. Und Sarah wird von Andrea Sawatzki gelesen, deren Stimme gleichzeitig bestimmt und weich klingt, und die meiner Meinung nach die Powerfrau Sarah perfekt intoniert.

Ich kann sowohl das Buch als auch das Hörbuch wärmstens empfehlen!

Laetitia Colombani: Der Zopf. Aus dem Französischen von Claudia Marquardt. S. Fischer, 2018, 283 Seiten; 20 Euro.

Laetitia Colombani: Der Zopf. Aus dem Französischen von Claudia Marquardt. Ungekürzte Lesung von Valery Tscheplanowa, Eva Gosciejewicz, Andrea Sawatzki und Vera Teltz. Argon Verlag, 2018; 19,95 Euro.

14 Gedanken zu „Der Zopf von Laetitia Colombani (Buch und Hörbuch)“

    1. Wow, du bist ja flott, mein Beitrag ging ja eben erst online! Bin gespannt, wie du das Buch findest… Liebe Grüße (und gute Nacht :-))

  1. Liebe Romy,
    das Hörbuch wartet bei mir schon in den Startlöchern und scharrt! haha Spätestens morgen geht es los. Bin schon sehr, sehr gespannt! Endlich bin ich lesetechnisch auch mal wieder in Indien!
    Sag mal, welcher Handlungsstrang überwiegt? Oder halten sich seitenmäßig alle drei ungefähr die Waage?
    Herzliche Grüße vom monerl

    1. Viel Spaß, Moni! Ich fand, dass Smita und Sarah am meisten zu Wort kamen, das waren auch die beiden Geschichten, die mich am meisten bewegt haben. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil mich die beiden Geschichten richtig berührt haben, vor allem Sarahs Erzählstrang…

      1. Danke! Ich mache doch an der Weltenbummler-Challenge mit und mit Indien oder Kanada hätte ich auf jeden Fall einen neuen Pin für mich gesetzt! Hab gestern Abend angefangen zu hören und bin gerade bei Sarah. Ich kann alles bisher nachvollziehen, das ich zu ihr gehört habe. Freue mich schon aufs Weiterhören! 🙂
        GlG und ein schönes Wochenende!

  2. Das Hörbuch hab ich auch schon auf dem Schirm. Und deine Meinung hier (trotz der kleinen Kritik), bestätigt mich, es auch weiter dort zu lassen und bald zu holen 😀

  3. Bezüglich „Der Zopf“ gibt es sehr gegenteilige Meinungen, habe ich festgestellt. Ich fand es aber sehr berührend – bin gespannt, was du sagst!

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