Der zerrissene April von Ismail Kadare

„Bis zu dem Tag, an dem er tötete, gab es für ihn kein Leben. Erst wenn er getötet hatte und selbst vom Tod verfolgt war, begann er zu leben.“ (Seite 31 der gebundenen Ausgabe von 2001)

Schon zum zweiten Mal liegt Gjorg Berisha auf der Lauer, um den Mann zu töten, der den Tod seines Bruders auf dem Gewissen hat. Beim ersten Versuch wurde der Mann nur verwundet, aber diesmal ist Gjorg erfolgreich und erschießt Zef Kryeqyqe.

Die Nachricht vom Tod Zefs verbreitet sich in dem kleinen albanischen Bergdorf in Windeseile, und Gjorg und seine Verwandtschaft schließen sich in ihrem Zuhause ein, um der Blutrache der Kryeqyqes vorerst zu entkommen. Dann leistet die Familie des Getöteten das kleine Ehrenwort, wodurch dem Blutvergießen 24 Stunden Einhalt geboten wird, und das Dorf entscheidet sich schließlich zum 30-tägigen großen Ehrenwort, was Gjorg einen ganzen Monat der Sicherheit gibt. Doch Gjorg weiß, dass er nach diesen 30 Tagen von einem Familienmitglied der Kryeqyqes getötet werden wird.

Die Geschichte der Blutfehde begleitet die Berishas und die Kryeqyqes seit siebzig Jahren, seit ein Gast der Berishas genau an der Dorfgrenze erschossen wurde:

„Und wenn du einen Gast geleitest, und er wird vor deinen Augen getötet, dann fällt sein Blut auf dich.“ (Seite 33 der gebundenen Ausgabe von 2001).

Seitdem gibt es auf beiden Seiten je 22 Gräber, und der Kreislauf des Tötens scheint nicht gebrochen zu werden, solange es noch Familienangehörige gibt, die den Tod eines Familienmitglieds rächen können.

Ich habe Der zerrissene April von Ismail Kadare vor vielen Jahren mit großer Begeisterung gelesen. Nun habe ich das Buch zum zweiten Mal gelesen, bin nach wie vor fasziniert von diesem Roman.

Kadare bietet in seinem bereits 1978 geschriebenen und 1980 erstmals auf Albanisch erschienenen Roman tiefe Einblicke in eine Welt, in der sich alles um alte Traditionen und Bräuche dreht, in der der Kanun, das alte Gewohnheitsrecht der Albaner, den Alltag und das Leben regelt, in der die Blutrache (als Teil des Kanun) mit ihren vielen Riten und dem komplizierten Regelwerk aktiv gelebt und angewendet wird.

In klarer, schnörkelloser Sprache erzählt Kadare seine dicht geschriebene und bewegende Geschichte, die nicht nur Opfer und Täter der Blutrache vorstellt und zu Wort kommen lässt, sondern auch die Profiteure dieser Tradition zeigt, die dafür sorgen, dass der Brauch weiter gepflegt wird.

Kadare nimmt den Leser in seinem Roman mit in die albanische Bergwelt und lässt ihn so an einer Welt teilhaben, die den meisten Lesern fremd erscheinen muss, die jedoch über Jahrhunderte hinweg gelebte Realität war. Nur in den Jahren der kommunistischen Diktatur in Albanien war die Blutrache eingestellt, doch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erlebte das Land erneut eine Zunahme der Blutrache, die mittlerweile zwar wieder abgeebbt ist, doch nach wie vor gibt es in Albanien zahlreiche Familien, die auch heute noch in (teilweise jahrzehntealte) Blutrachekonflikte verwickelt sind.

Der zerrissene April ist ein intensives und brillant erzähltes Buch und gehört nicht nur zu meinen Lieblingsbüchern 2018, sondern steht auch auf der Liste meiner All Time Favorites. Ich empfehle Der zerrissene April jedem, der nach Albanien reisen will oder der sich generell mehr mit dem Land und seinen Traditionen beschäftigen möchte.

Ismail Kadare: Der zerrissene April. Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. Fischer, 2011, 239 Seiten; 11 Euro.

Dieser Post ist Teil des Berge-Monatsthemas im Januar 2019.

4 Gedanken zu „Der zerrissene April von Ismail Kadare“

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