Wir müssen über Kevin reden von Lionel Shriver

„Heute halte ich Leute, die kaum eine oder gar keine Geschichte zu erzählen haben, für schrecklich glücklich.“

Eva Khatchadourian schreibt Briefe an ihren Mann Franklin, in denen sie die gemeinsamen Jahre mit allen Höhen und Tiefen Revue passieren lässt. Sie spricht von ihrem Leben vor Franklin und vor der Geburt ihres Sohnes Kevin, von ihrer Karriere und von ihren vielen Reisen. Und sie erzählt von ihren Zweifeln, ob sie ein eigenes Kind möchte, und von den Gefühlen, die sie nach Kevins Geburt hatte.

Evas Verhältnis zu ihrem Sohn Kevin ist von Anfang an distanziert und unterkühlt. Eva bemerkt, dass er gerne andere tyrannisiert und quält, und sie ahnt schon früh, dass er gefährlich ist. Und doch traut sie ihm nicht zu, was im April 1999 passiert, als Kevin kurz vor seinem 16. Geburtstag in seiner Schule ein Blutbad anrichtet, mehrere Kinder und eine Lehrerin tötet.

In ihren Briefen berichtet sie ihrem Mann minuziös, was passiert und was in ihr vorgegangen ist, welchen Anfeindungen und Schmähungen sie nach Kevins Amoklauf ausgesetzt war, wie sie durch hohe Gerichtskosten und Ausgrenzung sozial abgestiegen ist.

Beim Lesen von Lionel Shrivers Roman Wir müssen über Kevin reden weiß man von Anfang an, wohin die Geschichte um Kevin führt, und deshalb habe ich mich in den ersten Kapiteln oft gefragt, ob daraus trotzdem ein spannendes Buch resultieren kann, das den Leser über so viele Seiten hinweg fesselt und fasziniert. Doch Shriver gelingt dies mit Bravour, und das Buch ist so packend, dass man die 559 Seiten meist atemlos liest und immer mehr über Kevin und seine Familie erfahren möchte.

Zwischen den Zeilen kann man zudem viel über die USA und das Leben im Land erfahren. Shriver erzählt von den Tagen der USA als Weltmacht, von einem Land im Wandel und von einem Land am Abgrund.

Die Protagonisten sind allesamt unsympathisch, und man versteht die gegenseitige Ablehnung und den Hass, der zwischen ihnen schwelt. Charakterisiert wurden die Figuren durchweg detailgenau und überzeugend, man sieht den blauäugigen, geradezu naiven Vater, die distanzierte Mutter und den kaltschnäuzigen, sadistischen Kevin regelrecht vor sich und lässt sich so mit den Ereignissen treiben, die ebenso faszinierende wie erschreckende Einblicke in den Alltag einer zerrütteten Familie bieten.

Sprachlich ist das Buch anspruchsvoll, lässt sich aber flüssig lesen, so dass ich es auch in dieser Hinsicht voll und ganz empfehlen kann.

Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden. Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Frick-Gerke und Gesine Strempel. Piper, 2017, 559 Seiten; 11 Euro.

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