Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft von Andri Snaer Magnason

„Die größten Kräfte der Erde haben die geologische Zeitskala verlassen und verändern sich nun auf einer menschlichen Skala. Veränderungen, die bislang hunderttausend Jahre brauchten, geschehen jetzt in hundert Jahren. Ein solches Tempo ist sagenhaft; es betrifft das gesamte Leben auf der Erde und die Grundfesten all dessen, was wir denken, entscheiden, produzieren und glauben. Es betrifft alle, die wir kennen, und alle, die wir lieben. Die Veränderungen, denen wir gegenüberstehen, sind komplexer als die meisten Dinge, mit denen wir uns normalerweise beschäftigen. Sie übersteigen all unsere bisherigen Erfahrungen, sie übersteigen die Sprache und die Metaphern, die wir benutzen, um unsere Realität zu verstehen.“ (Seite 11)

Andri Snær Magnason, der 2016 für die Präsidentschaftswahl in Island kandidierte, möchte die Zeit einfangen und sammelt aus diesem Grunde die Geschichten seiner drei Großväter und zwei Großmütter.

In Wasser und Zeit erzählt er von Dias und vom Fliegen, von Dalai Lama und Buddhismus, Mythologie und Historie, Wasservorratsspeicher und Gletscherschmelze, Robert Oppenheimer und James Watt, Krokodilen und dem 6. Massenaussterben, Kohlendioxidkonzentration und Eyjafjallajökull, Fischen und Plastikmüll, Korallenriffen und Logarithmus.

Magnason berichtet anhand seiner eigenen Familie, früherer Generationen und persönlicher Erfahrungen, wie sich das Leben und die Natur auf Island (und im Rest der Welt) im Zuge der Industrialisierung verändert haben. Dadurch veranschaulicht er, welche dramatischen Wandlungen sich innerhalb eines Menschenlebens vollzogen haben und worauf wir zusteuern.

Ich empfand das Buch als sehr stimmungsvoll und als sehr lehrreich, und durch die persönlichen Bezüge des Autors wirken die Schilderungen besonders authentisch, lebendig, relevant und erschreckend.

Zu Beginn des Buches fand ich Magnasons Ausführungen als etwas zu langatmig, z.B. zur Mythologie (obwohl mich nordische Mythologie für gewöhnlich interessiert und fasziniert) und zum Dalai Lama, aber im weiteren Verlauf ist Wasser und Zeit durchweg fesselnd und einfach nur wundervoll zu lesen, obwohl der Inhalt tragischer kaum sein kann.

>>“Aber niemand will Weltuntergangsprophezeiungen und negative Dinge hören.“

„Das ist genau das Problem. […] Stellen Sie sich vor, ein Arzt will seinem Patienten nicht sagen, dass er Krebs im Anfangsstadium hat. Dass er sofort aufhören muss zu rauchen. Sein Leben umkrempeln muss, alle Pläne aufschieben muss, um sein Leben zu retten – Operation, Strahlentherapie, Reha. Stellen Sie sich vor, der Arzt würde nicht ehrlich sagen, was passieren könnte, aus Angst, den Patienten zu erschrecken, und ihm stattdessen Bio-Tabak und Pfefferminztee empfehlen.“

[…]

„Genau das passiert gerade. Mit dem Ergebnis, dass wir ernsthafte Probleme haben, die ständig größer werden. Der Patient ändert seinen Lebensstil nicht und redet sich ein, das wird schon wieder, wenn er ab und zu an einem Duftöl schnuppert.“<< (Seite 61)

Andri Snær Magnason: Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft. Aus dem Isländischen von Tina Flecken. Insel Verlag, 2021, 304 Seiten; 12 Euro.

Dieser Post ist Teil meines Klima-Monatsthemas im August 2021.

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