Lolita von Vladimir Nabokov (Hörspiel)

„Sie war Lo, einfach Lo am Morgen, wenn sie vier Fuß zehn groß in einem Söckchen dastand. Sie war Lola in Hosen. Sie war Dolly in der Schule. Sie war Dolores auf amtlichen Formularen. In meinen Armen aber war sie immer Lolita.“

Nach der Übersiedlung in die USA möchte der 40-jährige Literaturprofessor Humbert Humbert über den Sommer ein Zimmer zu mieten und lernt so Charlotte Haze kennen, in deren Haus er schließlich zur Untermiete wohnt.

Er fühlt sich von Charlotte abgestoßen, die ihrerseits großes Interesse an Humbert hegt, doch er verfällt Charlottes 12-jähriger Tochter Lolita mit Haut und Haar. Um bei Lolita bleiben zu können, heiratet Humbert Charlotte, welche bald auf tragische Weise zu Tode kommt. Humbert wittert seine Chance, seiner Lolita endlich körperlich näher zu kommen, holt diese aus dem Feriencamp ab, verheimlicht ihr den Tod der Mutter und verführt sie schließlich.

Ich habe Lolita vor mehr als 15 Jahren gelesen und nun das Hörspiel in der Produktion des Westdeutschen Rundfunks gehört. Dieses Hörspiel ist wie erwartet stark gekürzt, gewährt aber einen guten Einblick in Vladimir Nabokovs berühmtesten Roman, dessen Titel zum Synonym für Mädchen am Übergang vom Kind zur Frau geworden ist, wenn diese eine starke erotische Attraktivität aufweisen.

Nabokovs Lolita ist eine verführerische Kindfrau, deren Verhalten als kindlich-verspielt, doch auch als sinnlich beschrieben wird, so dass man Humbert als jemanden sieht, der keine andere Möglichkeit hatte als ihr zu verfallen und sie zu verführen.

Diese Sichtweise auf die Verbindung zwischen einem Pädophilen und einem Kind, die den Pädophilen wie ein Opfer und das Kind wie einen Täter erscheinen lässt, ist ebenso verstörend wie skandalös, aber auch eine spannende Perspektive fernab von Schwarz-Weiß-Malerei. Sicherlich ist diese Perspektive gefährlich, aber man muss beim Lesen und Hören zugeben, dass Nabokov seine Geschichte perfekt inszeniert hat. Dass man sich zwar dagegen wehren möchte, Lolita – zumindest zu Beginn des Romans – eine Mitschuld zu geben, dass es einem aber nicht gelingt. Dass man Humbert als skrupellosen Täter sehen möchte, dass man aber – obgleich widerstrebend – mit ihm leidet, seinen Schmerz verstehen, seine Begierde nachvollziehen kann. Später im Roman ändert sich dies meiner Meinung nach stark: Humbert wird zum Täter, der Lolita zwar verehrt, aber auch missbraucht und kontrolliert, und Lolita wird zu einem Opfer, das kaum einen Ausweg aus ihrer Situation sieht.

Da ich das Buch vor recht langer Zeit gelesen habe, waren mir die Details der Geschichte nicht mehr geläufig, so dass es sich beinahe so angefühlt hat, als würde ich den Roman gar nicht kennen. Dennoch konnte ich der Geschichte gut folgen, so dass ich das Hörspiel auch denjenigen empfehlen kann, die ‚Lolita‘ noch nicht gelesen haben. Ich denke vielmehr, dass das Hörspiel einen perfekten Einstieg in Nabokovs Werk ermöglicht und neugierig auf seine Bücher macht. Dabei wird das Hörspiel von allen Sprechern hervorragend gelesen, und durch die wechselnden Rollen und die zahlreichen Hintergrundgeräusche ist das Hörspiel sehr lebendig und unterhaltsam.

Vladimir Nabokov: Lolita. Aus dem Amerikanischen von Dieter E. Zimmer und Helen Hessel, Maria Carlsson, Kurt Kusenberg, H.M. Ledig-Rowohlt und Gregor von Rezzori, bearbeitet von Dieter E. Zimmer. Hörspiel mit Ulrich Matthes, Natalie Spinell-Beck, Leslie Malton. der Hörverlag, 2009; 14,95 Euro.

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