Kleiner Mann – was nun? von Hans Fallada

„Von weitem sieht eine Ehe außerordentlich einfach aus: Zweie heiraten, bekommen Kinder. Das lebt alles zusammen, ist möglichst nett zueinander und sucht vorwärtszukommen. Kameradschaft, Liebe, Freundlichkeit, Essen, Trinken, Schlafen, das Geschäft, der Haushalt, sonntags ein Ausflug, abends mal Kino. Fertig.

Aber in der Nähe löst sich die ganze Geschichte in tausend Einzelprobleme auf.“ (Seite 43)

Anfang der 1930er Jahre: Der 23-jährige Johannes Pinneberg und die 22-jährige Emma Mörschel, genannt „Lämmchen“, erwarten ein Kind und heiraten. Sie befinden sich in einer sehr unsicheren finanziellen Lage und müssen alles haarklein durchrechnen, um sich durchschlagen und ihr Kind mit einer gewissen Sicherheit aufziehen zu können.

Sie leben zuerst in einer kleinen möblierten Wohnung in Ducherow, einem Dorf im heutigen Mecklenburg-Vorpommern, wo Pinneberg als Buchhalter arbeitet. Doch das Geld reicht hinten und vorne nicht, und als Pinneberg seine Stelle verliert und seine Mutter ihm eine Wohnung und eine Stelle in Berlin anbietet, ziehen Pinneberg und Lämmchen in die Hauptstadt.

Dort findet Pinneberg eine Anstellung in einem Bekleidungsgeschäft und ist dem täglichen Druck ausgesetzt, eine bestimmte Leistung zu erfüllen, um seine Arbeit zu behalten.

Die Originalfassung von Kleiner Mann – was nun? war meine erste Begegnung mit Hans Fallada (eigentlich Rudolf Ditzen). Diese Urfassung Falladas ist erst 2016 erschienen, obwohl die gekürzte Version bereits 1932 im Rowohlt Verlag veröffentlicht wurde.

Der Roman ist in einer bisweilen antiquiert wirkenden Sprache geschrieben, und der Autor verwendet einige ungewöhnliche Ausdrücke. Dadurch lässt sich Kleiner Mann – was nun? vor allem anfangs nicht immer flüssig lesen, wirkt aber sehr authentisch und versetzt einen beim Lesen sofort in die 1930er Jahre.

Kleiner Mann – was nun? ist ein sehr dialogreicher Roman, der sehr lebendig wirkt, und bildet die Epoche sehr gut ab, ermöglicht Einblicke in eine problematische Zeit mit hoher Arbeitslosigkeit, großer Angst, seine Stelle zu verlieren, Verzweiflung, wie man seine Familie durchbringen und der Armut entfliehen kann. Dadurch ist Kleiner Mann – was nun? eine großartige Milieustudie, die einem Deutschland bzw. Berlin kurz vor Hitlers Machtergreifung nahe bringt und neben Pinnebergs Kampf ums Überleben auch Inflation und Unzufriedenheit, Antisemitismus und das Erstarken der Nazis thematisiert.

Fallada lässt den Leser fast minuziös am Geschehen teilhaben, was mir oft sehr gut gefallen hat, was ich bisweilen aber auch als zu ausführlich und langatmig empfunden habe.

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun? Aufbau Taschenbuch, 2017, 557 Seiten; 12,99 Euro.

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